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Foto: H.S.
02.10.2026 - von Dieter Adler
Man kann Qualität sichern. Und man kann Bürokratie produzieren und sie Qualitätssicherung nennen.
Das neue Qualitätssicherungs-Verfahren (QS) für die ambulante Psychotherapie droht genau Letzteres zu werden.
Patientinnen und Patienten sollen sich durch einen Fragebogen von rund 14 Seiten arbeiten. Menschen, die wegen Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen in Behandlung sind, werden mit einem zusätzlichen Bewertungs- und Dokumentationsapparat konfrontiert. Als hätten sie nicht schon genug zu tragen.
Auch die Therapeutinnen und Therapeuten werden mit einem umfangreichen Katalog zusätzlicher Fragen, Dokumentationspflichten und Fristen überzogen. Und das alles in einer Versorgung, in der jede zusätzliche Viertelstunde Bürokratie Zeit kostet, die für Patienten fehlt.
Besonders ärgerlich ist die dahinterstehende Haltung: als gäbe es in der Psychotherapie bislang keine Qualitätssicherung.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten arbeiten seit Jahrzehnten mit bewährten Instrumenten: Qualitätszirkeln, Intervision, Supervision, Testdiagnostik, standardisierten Verlaufsbeobachtungen, Katamnesen, Fortbildung und fachlicher Kontrolle. Über diese Verfahren kann man diskutieren, sie weiterentwickeln und wissenschaftlich überprüfen. Aber zu behaupten oder auch nur den Eindruck zu erwecken, erst ein zentral organisierter Datensammelapparat schaffe Qualität, geht an der Realität der Praxen vorbei.
Was hier entsteht, hat immer mehr Züge eines Therapeuten-TÜV: Daten liefern, Fragebögen verteilen, Fristen überwachen, Rückmeldungen befürchten, Bewertungen rechtfertigen.
Und ausgerechnet dieser Mechanismus kann die Versorgung verschlechtern.
Denn wenn Patientenzufriedenheit und standardisierte Rückmeldungen zunehmend als Qualitätsmaßstab verwendet werden, entsteht zwangsläufig ein Anreiz, Risiken zu vermeiden. Ein unkomplizierter, stabiler Patient ist dann statistisch attraktiver als ein schwer kranker Mensch mit komplexem Verlauf.
Genau deshalb ist der Hinweis aus der Begleitevaluation so alarmierend, dass einzelne Therapeutinnen und Therapeuten bereits angeben, bestimmte Patientengruppen mit schweren Diagnosen seltener aufzunehmen, weil sie negative Bewertungen befürchten.
Bei schweren Persönlichkeitsstörungen, Borderline-Störungen, chronischen Depressionen oder komplexen Traumafolgestörungen gehören Konflikte, Krisen, Therapieabbrüche und zeitweilige Unzufriedenheit zur klinischen Realität. Gerade diese Patientinnen und Patienten brauchen erfahrene Therapeutinnen und Therapeuten – und keine Versorgung, in der man sich vor jeder schwierigen Behandlung fragen muss, wie sie später in irgendeiner QS-Kennzahl aussieht.
Ein Verfahren, das dazu führt, dass schwierige Patienten unattraktiver werden, hätte sein Ziel geradezu ins Gegenteil verkehrt.
Und dann kommt die vielleicht bemerkenswerteste Zahl: Im ersten Erfassungsjahr haben nur rund zehn Prozent der Therapeutinnen und Therapeuten überhaupt QS-Daten übermittelt.
Das sollte man nicht wegmoderieren.
Wenn bei einem verpflichtenden Verfahren neun von zehn Therapeutinnen und Therapeuten keine Daten liefern, ist das ein Signal. Ob dahinter technische Probleme, Zeitmangel, ungeklärte Vergütung oder bewusste Ablehnung stehen, mag im Einzelfall unterschiedlich sein. In der Summe zeigt sich jedenfalls etwas, das man nicht mit noch mehr Rundschreiben und noch mehr Erklärvideos beseitigen wird:
Dieses Verfahren stößt in den Praxen auf massiven Widerstand.
Und ja: Darüber freuen wir uns.
Nicht, weil wir Qualitätssicherung ablehnen. Sondern weil eine Kollegenschaft, die sich gegen unsinnige Bürokratie wehrt, noch nicht resigniert hat.
Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind keine Datenerfassungsstellen. Patienten sind keine Lieferanten von QS-Kennzahlen. Und Psychotherapie lässt sich nicht wie eine Hauptuntersuchung beim TÜV in ein paar standardisierte Prüfpunkte pressen.
Wer Qualität verbessern will, sollte mit denen sprechen, die jeden Tag behandeln. Er sollte vorhandene und bewährte Instrumente stärken, Versorgungsforschung fördern und dort genauer hinsehen, wo tatsächlich Qualitätsprobleme bestehen.
Was wir nicht brauchen, ist ein bürokratischer Therapeuten-TÜV, der Patienten mit seitenlangen Fragebögen belastet, Praxen noch mehr Zeit raubt und am Ende womöglich ausgerechnet diejenigen aus der Versorgung drängt, die am dringendsten einen Therapieplatz brauchen.
Wenn 90 Prozent bei diesem System bislang nicht mitmachen, sollte die Politik nicht fragen, wie man sie endlich zur Teilnahme bekommt.
Sie sollte sich fragen, was mit diesem System nicht stimmt.
> siehe: Link
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