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GEWALT gegen ältere Menschen – weltweites Problem - Chance für UN-Charta?

Foto: H.S.

04.05.2026 - von Hanne Schweitzer

1. Beispiel für Gewalt gegen ältere Menschen

Mary, Australierin und Witwe, 62 Jahre, wird von ihrer erwachsenen, 39-jährigen Tochter, die regelmäßig Geld von ihr verlangt, bedroht und körperlich attackiert. Mary hat sich geweigert, der Tochter 75.000 Dollar für die Anzahlung eines Hauses zu überweisen. Mary stürzt. Sie ruft die Polizei. Die Drohung der Tochter, ihrer Mutter Schaden zuzufügen, und ihr tatsächlicher Angriff auf die Mutter gelten in Australien als Formen körperlicher Gewalt gegen ältere Menschen. Als die Polizei eintrifft, wird die Tochter festgenommen und wegen Körperverletzung angeklagt.


2. Was ist Gewalt gegen ältere Menschen?

Es werden sieben Formen von Gewalt gegen ältere Menschen beschrieben (wobei ich stillschweigend davon ausgehe, dass die meisten Opfer von Gewalt im Alter, sei es beim Handtaschenraub auf der Straße, durch Angehörige oder ambulante PflegedienstmitarbeiterInnen in der eigenen Wohnung, im Betreuten Wohnen, oder in einem Pflegeheim - Frauen sind.)

a. Körperliche Gewalt

Schlagen, Treten, Stoßen, Schubsen, Packen, Festhalten, Schütteln, Verletzen mit Gegenständen oder Waffen, freiheitsentziehende Maßnahmen, Unnötige Medikamentengabe zwecks Ruhigstellung oder Kontrolle, Verweigerung angemessener medizinischer Behandlung

b. Psychische / emotionale Gewalt

Verbale Aggression, Erniedrigung, Beleidigung, Einschüchterung, Drohung, kontrollierendes Verhalten, Zwang, soziale Isolation, Angst erzeugen, Demütigung, Abwertung aufgrund des Alters (Altersdiskriminierung / Ageism)

c. Vernachlässigung

Unterlassen notwendiger Unterstützung, rudimentäre pflegerische Versorgung, psychosoziale Vernachlässigung

d. Finanzielle / ökonomische Gewalt

Erpressung, unrechtmäßige Geldforderungen, finanzielle Ausbeutung, Erschleichen und Missbrauch von Vollmachten, Kontrolle über Vermögen, Ausnutzung wirtschaftlicher Abhängigkeit

e. Sexuelle Gewalt

sexuelle Übergriffe, sexueller Missbrauch, Vergewaltigung

f. Strukturelle / institutionelle Gewalt

unausgebildete Pflegende, Personalmangel, systematische Freiheitsbeschränkung, fehlende Schutzstrukturen, Abhängigkeit fördernde Fürsorgesysteme, fehlende Beschwerdemöglichkeiten, altersdiskriminierende Gesetze oder Verordnungen


g. Digitale Gewalt

Digitale Belästigung, Hetze und Desinformation im Netz, Online-Betrug

Allen Formen der Gewalt gegen ältere Menschen ist gemeinsam: Sie ereignen sich meist innerhalb von Vertrauens- oder Abhängigkeitsverhältnissen und bleiben für Außenstehende häufig unsichtbar. Dazu kommt: Egal ob Gewalt im privaten Umfeld oder in Pflegeeinrichtungen geschieht: Betroffene schweigen oft aus Scham, Angst oder Loyalität.


h. WHO-Definition

Gewalt gegen ältere Menschen ist „eine einmalige oder wiederholte Handlung oder das Fehlen einer angemessenen Handlung, in einer Vertrauensbeziehung wodurch einer älteren Person Schaden oder Leid zufügt wird“ 2008


3. Gewalt gegen ältere Menschen in Deutschland

Diese Art von Gewalt tritt sowohl in stationären Einrichtungen als auch im häuslichen Umfeld oder im öffentlichen Raum auf.

- Gewalt gegen ältere Pflegebedürftige ist stark tabuisiert
- Politik und Gesellschaft zeigen kaum Interesse am Thema
- öffentliche Diskussionen konzentrieren sich vor allem auf Pflegeeinrichtungen
- nur wenige Daten sind verfügbar
- keine Präventionsstrategie vorhanden
- keine bundesweiten Schutzstrukturen
- kaum Fortbildungsangebote zum Thema

2023 informiert die Bundesregierung (SPD,FDP,Grüne) eine UN-Arbeitsgruppe, die über Möglichkeiten darüber berät, wie die Position älterer Menschen im Menschenrechtsschutzsystem gestärkt werden kann. Die deutsche Regierung teilt mit, dass sie keine normativen Schutzlücken für diese Gruppe sieht. Außerdem sei sie der Meinung, eine UN-Konvention für die Rechte Älterer bringe keinen normativen Mehrwert. !!!


4. Akteure und ihre Forderungen um Gewalt gegen Ältere zu reduzieren

a. Pioniere: Handeln statt Misshandeln e.V.

- gegründet 1997 in Bonn von Prof. Dr. Rolf Hirsch und Bärbel Makowsky-Rohe
- Krisen- und Notrufstelle
- 37.500 Anrufe bis 2016
- musste 2016 aus finanziellen Gründen schließen

Forderungen:

- Keine Toleranz von Gewalt gegen alte Menschen in keiner Situation und zu keiner Zeit!
- Schaffung von Krisen- und Notrufberatungsstellen für alte Menschen, Angehörige und Pflegekräfte mit entsprechender Ausstattung für jede Kommune!
- Einbeziehung von Deeskalationstraining und Wissensvermittlung über die Gewalt gegen alte Menschen in die Aus-, Fort- und Weiterbildung von Pflegekräften und Ärzten!
- Einrichtung von rechtlichen Betreuungen nur nach dem Erforderlichkeitsprinzip und unter Achtung des Willens des/r Betreuten!
- Beachtung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen!
- Verbreitung und Einhaltung der Charta der Rechte für hilfe- und pflegebedürftige Menschen! Hier insbesondere Artikel 2.


b. Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO)

Gegründet 1989 auf Initiative eines Staatssekretärs

Forderungen:

- besserer Schutz gegen Gewalt und Vernachlässigung im Erwachsenenalter
- Aufbau verbindlicher Schutzstrukturen
- bundesweite Anlaufstellen
- Sensibilisierung
- UN-Konvention zum Schutz älterer Menschen vor Gewalt

Expertenworkshop Gewaltprävention 2018: Link
Ältere Menschen vor Gewalt und Vernachlässigung schützen: Link

Webseite: Link


c. Netzwerk Gewaltfreie Pflege

gegründet 2021 als Berliner Zusammenschluss verschiedenster AkteurInnen und Institutionen aus dem Bereich Gesundheit und Pflege, Strafverfolgung und Betreuung. Dauerhafte strategische Zusammenarbeit und Vernetzung soll zum Schutz pflegebedürftiger Menschen beitragen und dafür die städtischen und bezirklichen Strukturen verbessern.

Tätigkeitsbeschreibung:

- Verhindern, Erkennen und Verfolgen von Handlungen und Unterlassungen, die pflegebedürftige Menschen in ihrer physischen und psychischen Unversehrtheit beeinträchtigen
- Erarbeitung und Umsetzung strategischer Lösungsansätze mit Praxisrelevanz
- Etablierung konkreter Schutzstrukturen
- Sensibilisierung und Information der Öffentlichkeit
- Berlinweite Vernetzung

Literaturliste auf der Seite des Netzwerkpartners Berliner Polizei unter: Link


d. Deutsches Institut für Menschenrechte

Forderungen:

- Politik und Gesellschaft bewegen, Gewalt gegen Ältere abzulehnen
- Bundesregierung soll alle Formen des Missbrauchs und der Gewalt gegen ältere Frauen verhindern, ihre Menschenrechte fördern und wirksam gegen allgegenwärtige sexistische und altersfeindliche Einstellungen vorgehen - Gewalt gegen Ältere ist strukturell, nicht nur Einzelfälle
- Daten und Strategien fehlen
- vielgesichtiges strukturelles Problem sichtbar machen und entschieden bekämpfen
- international verbindliche UN-Konvention ist nötig
- Bundesregierung muss Artikel 4 Absatz 3 des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) "verstärkt in den Blick nehmen"

Staatenbericht der BuRegierung zur Istanbul Convention 2025: Link

Ältere Menschen besser vor Gewalt schützen und ihre Pflege verbessern: Link + Link

Die Menschen-Rechte für ältere Frauen durchsetzen Link


5. Empirisches zum Thema Gewalt gegen ältere Menschen in Deutschland

"Wir wissen, dass körperliche und sexuelle Gewalt in Partnerschaften mit dem Alter der Frau konstant zurückgeht: Weniger als 1 Prozent der Frauen über 60, die in einer Partnerschaft leben, erfährt körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Zum Vergleich: Bei den Frauen bis 34 Jahre sind es knapp 5 Prozent.

Was jedoch nicht zurückgeht, ist die psychische Gewalt. Hier sind ältere Frauen in ähnlichem Maße betroffen wie die jüngeren. Dabei geht es zum Beispiel um Erniedrigungen, Zwang und Kontrollverhalten. Rund 17 Prozent der Frauen bis 75 Jahre berichten von derartiger Gewalt in ihrer Partnerschaft. ...

Zum Thema Gewalt in der Pflege ist es schwierig, zuverlässige Zahlen zu ermitteln – viele pflegebedürftige Frauen können ja krankheitsbedingt nicht selbst befragt werden. Befragt man die Pflegenden, so zeigen sich hohe Werte. 40 Prozent der ambulanten Pflegekräfte und 53 Prozent der pflegenden Familienangehörigen berichteten, dass sie sich im vergangenen Jahr mindestens einmal problematisch gegenüber Pflegebedürftigen verhalten haben; dabei handelt es sich am häufigsten um verbale Aggressionen, psychische Misshandlung sowie pflegerische und psychosoziale Vernachlässigung. ..."
Barbara Nägele, 2015 unter Link

Eine von sechs Personen (15,7 %) weltweit, die 60 Jahre und älter sind, erlebt zumindest einmal im Jahr Gewalt.
Psychische Gewalt betrifft zumindest einmal im Jahr 11,6 %,
6,8 % finanzielle Gewalt,
4,2 % Erleben eine Form der Vernachlässigung,
2,6 % körperliche Gewalt
und 0,9 % sexuelle Gewalt (Yon et al. 2017, führten eine Metastudie durch).
Auch eine Studie, die die WHO für die Erstellung des Weltberichtes über Altern und Gesundheit (2015) in Auftrag gab, kommt auf Prävalenzzahlen innerhalb des letzten Jahres: Physische Gewalt zwischen 0,2 bis 4,9 %,
sexuelle Gewalt zwischen 0,04 bis 0,82 %,
psychische Gewalt zwischen 0,7 und 6,3 %,
finanzielle Gewalt zwischen 1,0 und 9,2 % sowie der Vernachlässigung zwischen 0,2 bis 5,5 % (Pillemer et al. 2016 sowie WHO 2015: 74)
gewaltinfo.at: Link


6. Gewalt gegen ältere Menschen in Australien

a. Nationale Strategie von Compass, staatlich finanzierter Plattform gegen Gewalt im Alter

Jede Gewalt gegen Ältere gilt in Australien ausdrücklich als Straftat

- Fokus auf Gewalt an Älteren als Straftat im Nahraum
- landesweite Präventionsstrategie mit konkreten Unterstützungsangeboten
- Website mit Verzeichnis von über 300 Hilfseinrichtungen
- landeseinheitliche Hotline-Nummer
- Konkrete Handlungsanleitungen für Gewaltbetroffene
- aktive Präventionsarbeit
- familiäre Dynamiken, geringes Selbstwertgefühl oder Isolation können jemanden abhalten, Hilfe zu suchen, aber Hilfe ist verfügbar


b. Definitionen von Gewalt gegen ältere Menschen
- körperlicher Gewalt
- psychischer Gewalt
- finanziellem Missbrauch
- sexueller Gewalt
- Vernachlässigung
- Medikamentenmissbrauch zur Ruhigstellung oder Kontrolle
- Unterlassen medizinischer Hilfe


c. Empirisches zum Thema Gewalt gegen ältere Menschen in Australien:

Umfrage des Australian Institute for Family Studies (AIFS) aus dem Jahr 2020:

- schlechte körperliche oder geistige Gesundheit und begrenzte soziale Kontakte wurden häufig mit der körperlichen Misshandlung älterer Menschen in Verbindung gebracht[/*] - die Kinder der älteren Menschen stellten die größte Gruppe der Täter dar (17 %) - Söhne (11 %) wurden häufiger als Gewalttäter gemeldet als Töchter (3 %)
- Partner/Ehepartner und Nachbarn waren die nächstgrößeren Gruppen (jeweils 12 %)
- Männer waren die häufigsten Täter bei körperlicher Gewalt gegen ältere Menschen (75 % der Meldungen)
- Viele der Täter waren arbeitslos (75 %) oder hatten psychische Probleme (63 %),
- professionelle Pflegekräfte waren nur an 1 % der gemeldeten Vorfälle beteiligt

Altersdiskriminierung kann bei Gewalt gegen Ältere ein Anlass für Gewalt sein. Die oft unbewusste Abwertung älterer Menschen kann zu Ungeduld führen und dazu, dass es als „in Ordnung“ angesehen wird, Ältere grob zu behandeln.


7. Gewalt gegen ältere Menschen als Thema bei den Vereinten Nationen


"... (Bis heute gibt es) kein internationales rechtsverbindliches Instrument, in dem die
Menschenrechte älterer Menschen dargelegt sind. Diese Lücke schafft ein grundlegendes
Defizit in Bezug auf Gleichheit und Nichtdiskriminierung, Schutz vor Gewalt, Autonomie,
Pflege, Gesundheit, sozialen Schutz, wirtschaftliche Sicherheit und Teilhabe am öffentlichen Leben. Das Fehlen eines internationalen rechtsverbindlichen Instruments hat auch zur Folge, dass die Rechtsverletzungen, die ältere Menschen erfahren, nicht wahrgenommen werden und es der Öffentlichkeit, darunter auch Pflichtenträgerinnen und -trägern, am Bewusstsein für die Rechte älterer Menschen fehlt.

Nur zwei Menschenrechtsverträge der Vereinten Nationen enthalten einen Hinweis auf Altersdiskriminierung, nämlich die Internationale Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen und das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Die bestehenden Vertragsorgane und Sonderverfahren haben keine kohärenten Anerkennungs- und
Abhilfemechanismen für die Menschenrechte älterer Menschen eingerichtet und können dies
auch nicht.3 Das Fehlen eines Menschenrechtsvertrags für ältere Menschen führt dazu, dass
in der sozialen Fürsorge weiterhin Ansätze verfolgt werden, die Abhängigkeit fördern, indem
sie ältere Menschen als passive Hilfeempfängerinnen und Empfänger statt als mündige
Rechteinhaberinnen und -inhaber behandeln."
Claudia Mahler, Generalversammlung der Vereinten Nationen, 2024 Link


Anmerkung
Die Auflistung zeigt, dass Gewalt gegen ältere Menschen als relevantes gesellschaftliches Problem gilt. Dennoch unterscheiden sich Wahrnehmung und Herangehensweise deutlich.
Compass beschreibt die körperliche Misshandlung älterer Menschen in Australien als Handlung, die Schmerzen oder Verletzungen zufügt und meist innerhalb einer Vertrauensbeziehung geschieht — typischerweise in der Familie, im Freundeskreis oder im nahen sozialen Umfeld. Gewalt im Alter gilt in Australien primär als ein innerfamiliäres Problem und ähnelt in seiner Struktur häuslicher Gewalt.
Compass weist darauf hin, dass Faktoren wie geringes Selbstwertgefühl, soziale Isolation, Demenz oder Abhängigkeit das Risiko Gewalt erfahren zu müssen, zusätzlich erhöhen. Der australische Ansatz betont auch die langfristigen individuellen Konsequenzen: körperliche Verletzungen, Angstzustände, Trauma, Vertrauensverlust und finanzielle Schäden.

In Deutschland wird vor allem die Vernachlässigung der zu Pflegenden und Überforderung der Pflegenden in institutionellen Pflegekontexten als Gewaltursache diskutiert. Nur selten ist sie Thema im Zusammenhang mit ambulanten Pflegearrangements. Konkrete Handlungsempfehlungen, etwa die ärztliche Dokumentation von körperlichen, psychischen oder finanziellen Schäden, oder Kontaktaufnahme mit der Polizei sind nicht üblich.
Verlässliche Kontroll- und Schutzstrukturen in Pflegeeinrichtungen und privaten Pflegesettings, sowie flächendeckende, niedrigschwellige Beratungsangebote für Betroffene und Angehörige gibt es nicht. Die Ökonomische Gewalt wird hierzulande nur selten thematisiert während z.B. in Kalifornien die Mitarbeiter von Banken einen professionellen Blick auf ungewöhnliche Kontobewegungen älterer Leute haben und entsprechend tätig werden.

Quelle: Bagso, HmS, AIFS, Compass, B. Naegele, C. Mahler, UN, Institut f. Menschrechte, Netzwerk Gewalt, Polizei Berlin, gewaltinfo.at