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Altersdiskriminierung im Sport - Mit 67 zu alt für Basketball?

Ricardo als junger Mann Anfang der 80er Jahre beim Training des UBC-Münster u.a. mit Lothar Waldowski

29.04.2022 - von Hanne Schweitzer

Basketball ist sein Ding. Das wusste Ricardo sofort, nachdem er vor mehr als 50 Jahren in Lima, Peru angefangen hatte, zu trainieren. Diese Passion hat ihn sein ganzes Leben begleitet, bis heute.

Während seines Studiums des Journalismus in Lima solidarisierte und engagierte sich Ricardo für die Rechte der Arbeiter. Als er Mitte 20 war, schloss er sein Studium ab und arbeitete für eine Oppositionszeitung. Ein Artikel gegen die Militärdiktatur, die in den 70ern und Anfang der 80er Jahre in Peru an der Macht war, brachte Ricardo eine Klage der Militärregierung ein. Der Rechtsanwalt der Oppositionszeitung, Dr.Javier Valle Riestra, (Jahrgang 1932, der noch in Lima lebt), verteidigte ihn - erfolgreich und kostenlos. Nach dem Prozess gab er dem jungen Journalisten den Rat, Peru so bald wie möglich zu verlassen. Bei einem weiteren kritischen Artikel drohe ihm das Gefängnis.

Gesagt und getan. Einige Monate später gelang es Ricardo, nach Europa zu reisen. In Deutschland besuchte er unter anderem die Stadt Münster, wo er einige Monate blieb. In Lausanne absolvierte er ein Grundstudium der Soziologie und Politikwissenschaft. Danach zog ihn die Liebe zurück nach Münster. Dort machte er eine Umschulung zur Pflegefachkraft. Mit Liebe und Empathie und vor allem mit Respekt gegenüber den älteren Menschen ist Ricardo dieser Tätigkeit gerne nachgegangen. Er arbeitete fast 30 Jahre in diesem Beruf, u.a. in Senioreneinrichtungen. 2020 ging er in den Ruhestand.

Jahrzehnte sind vergangen, seit er Peru verlassen hat. Er hat viel erlebt und viel erreicht. Er lebt auf einem anderen Kontinent, er hat eine neue Sprache gelernt, geheiratet, eine andere Staatsbürgerschaft angenommen, fünf Kinder großgezogen. Aber eines ist all die Jahre geblieben: Seine Freude am Basketballspielen.

Dann kommt Corona
Mehr als ein halbes Jahr war das Training beim TSC-Gievenbeck, wo Ricardo seit mehr als 20 Jahren Mitglied ist, wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt. Dann, Anfang Juni 2021, ging es wieder los. In der Sporthalle des Steingymnasiums durfte wieder Basketball gespielt werden. Alle freuten sich, nach einer so langen, unfreiwilligen Pause wieder Sport zu treiben - auch wenn es kein Training gab, sondern einfach nur Basketball gespielt wurde. Endlich! Vier Wochen lief alles ganz normal, so wie sonst auch. Auch Gäste durften mitspielen.

Eine altersdiskriminierende Attacke
Als Ricardo am Abend des 13.Juli 2021 zum Training erscheint, kommen zwei Übungsleiter auf ihn zu, Tim, Anfang 20 und Felix, Ende 20. "Ricardo, wir wollen mit Dir sprechen. "Ja, aber nach dem Spiel." "Nein Ricardo, jetzt, wir wollen reden." "Was ist?" "Rico, Du hattest Geburtstag, Du bist 67 Jahre alt geworden letzte Woche. Rico, Du kannst nicht mehr bei uns spielen, Du bist zu alt!" "Sag mal, ist das ein Witz?" "Nein Rico. Die Verletzungsgefahr ist zu groß, deine Grundschnelligkeit hat altersbedingt nachgelassen, auch dein Reaktionsvermögen. Du gefährdest dich selbst und deine Mitspieler auch".

Ricardo fühlt sich wie vor den Kopf geschlagen. Er will nicht mit der 1. Herrentruppe spielen, die aktuell ganz unten in der Bezirksligatabelle ist! In den letzten Jahren hat er immer mit der 2. Mannschaft der Kreisliga trainiert, das genügt ihm. Er verlässt die Halle. War das ein schlechter Traum? Darf er in Deutschland nicht mehr Basketball spielen, weil er seinen 67. Geburtstag gefeiert hat? Wolfgang Schäuble war im Alter von 79 Jahren noch Präsident des Bundestags. Soll ein "normaler" Bürger mit 67 nur vor dem Fernseher sitzen und Däumchen drehen? Skandal! Einige seiner Mitkommilitonen solidarisieren sich mit Ricardo. Manche wollen, dass er bleibt und spielt. Aber Tim und Felix wollen das nicht. Um die Situation zu deeskalieren, bedankt sich Ricardo für die Unterstützung und fährt nach Hause.

Wer oder was steckt dahinter?
Seit das Training vor vier Wochen wieder begann, hat er keine Kritik an seiner Leistung gehört. Die Attacke ist aus heiterem Himmel gekommen, ohne Vorwarnung. Er war auch nicht verletzt. Dadurch unterscheidet er sich von den beiden Übungsleitern. Die mussten wegen Verletzungen schon eine Zeitlang mit dem Basketballspielen aussetzen, und das, obwohl sie jung sind.

Was ist bloß los? Hat sich jemand über ihn beschwert, hat er jemandem den Platz weggenommen? Er ist fit und gesund! Und nun soll er, nach jahrelanger Mitgliedschaft, gezwungenermaßen aufhören? Darf nicht mehr zum Training kommen?! Das kann doch nicht wahr sein! Wer bestimmt darüber, ob und wann jemand zu alt für diesen Sport ist? Welche Altersbilder gelten beim TSC-Gievenbeck?

Ricardo erinnert sich: Damals, als er das erste Mal einige Monate in Münster war, hat er beim UBC-Münster gespielt, um seinen Lieblingssport ausüben zu können. Dort trainierte er zusammen mit dem früheren Basketball-Nationalspieler Lothar Waldowski, der im vergangenen Jahr seine 90 Frühlinge gefeiert hat. Lothar war damals Ende 40 und spielte noch einige Jahre beim UBC, ohne Spielverbot durch den Club wegen seines Alters. Ganz im Gegenteil! Wegen seiner Erfahrungen und wegen seines Alters wurde Lothar besonders respektiert und geachtet!

Ausgeschlossen vom Training, wegen des Geburtsdatums, geht das rechtlich überhaupt? Was ihm passiert ist, will Ricardo nicht in den Kopf. Hat der Vereinsvorstand jemals etwas von Integration durch Sport gehört? Kennen die Übungsleiter Baron Pierre de Coubertin, den Vater der Olympischen Spiele, dem es wichtig war, dass die Spiele zur internationalen Verständigung beitragen und Toleranz fördern? Sport ist eine ideale Eintrittskarte zur Integration. Sport verbindet die Menschen unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft, und er stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl - auch zwischen den Generationen. Würden alle Älteren ihre ehrenamtliche Arbeit im Sport beenden, müssten die meisten Vereine zu machen. Oder soll Ricardo vielleicht deshalb nicht mehr spielen, weil er einen Migrationshintergrund hat?

Ist das, was ihm passiert ist, seine private Angelegenheit oder ist es eine soziale Ungerechtigkeit, eine Diskriminierung, die jeden betreffen kann, und der deshalb in einer älter werdenden Gesellschaft dringend ein Riegel vorgeschoben werden muss? Aber wo ist der Riegel? Und wer schiebt?

Was nun? Was ist zu tun?
Statt sich zu grämen und den Verlust seiner Basketballfamilie zu beklagen, wird Ricardo aktiv. Er ist der Meinung, dass jede Art von Diskriminierung und Ausgrenzung eine zu viel ist. Widerstand lohnt sich immer! Ricardo erinnert sich an seine Mutter, die ihn in Lima, schon als er noch sehr jung war, oft den kleinen Robin Hood nannte, weil er sich gegen Ungerechtigkeiten und Diskriminierung gewehrt und dagegen protestiert hat. Das wird er jetzt auch tun.

Himmel und Erde hat er in den letzten Monaten versucht zu bewegen. Er nahm Kontakt auf mit verschiedenen Leuten, Institutionen und Gremien - nicht nur in Münster, er schilderte, was ihm passiert ist, und bat um Unterstützung und Hilfe. Er legte dar, dass Altersdiskriminierung durch nichts zu rechtfertigen ist, dass ältere Menschen wie im Arbeitsleben so auch im Sport wichtig sind, damit sich die Generationen austauschen und die Jungen von der Erfahrung der Älteren profitieren können. Und er hätte zusätzlich noch darauf hinweisen können, dass in Nord-Rhein-Westfalen immerhin 3,7 Millionen Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren leben und der Anteil der Älteren in den nächsten Jahren weiter steigen wird.

Ricardo regte an, dass die beiden Übungsleiter des TSC bis zur Klärung des Ereignisses von ihren Funktionen als Übungsleiter befreit werden, weil solch ein negatives Verhalten sofort sanktioniert werden müsse. Er schlug vor, dass die Verantwortlichen des TSC-Gievenbeck Seminare über Themen wie Integration, Diskriminierung, Rassismus, Toleranz und Ausgrenzung besuchen könnten.

Ricardo wird Trost gespendet
Oh ja, das sei eine dumme Sache ... leider nicht im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geregelt ... da müsse dringend etwas geschehen, aber das dauert ... er müsse verstehen ... Corona, er müsse verstehen ..., aber es gäbe auch Schlimmeres als einen Sportrauswurf. Ricardo wird vertröstet. Das tut weh! Bernhard Franke, der kommissarische Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Berlin kann das gut nachvollziehen. Er weiß aus den vielen Untersuchungen über Diskriminierung, die ihm vorliegen: "Das Gefühl, mit einer Ungerechtigkeit alleine gelassen zu werden, hat auf Dauer fatale Folgen, die auch das gesellschaftliche Zusammenleben gefährden: Diskriminierung zermürbt".

Diskriminierung und Ausgrenzung sind keine Kavaliersdelikte.
Manche von Ricardos Ansprechpartnern haben bis heute keine Möglichkeit gefunden, um mit dem TSC-Gievenbeck in Kontakt zu treten. Erst vor ein paar Tagen teilte ihm die Mitarbeiterin des Integrationsrates in Münster, wo seine Beschwerde seit Ende Herbst 2021 liegt mit, dass die Mitglieder viel zu tun hätten. Manche müssten mit ihrem Job und dem privaten Leben jonglieren und könnten ihren Aufgaben im Integrationsrat nicht immer nachkommen.

Aber: die Caritas und das Rote Kreuz haben den TSC-Gievenbeck schriftlich aufgefordert, zu Ricardos Trainingsverbot Stellung zu nehmen. Passiert ist nichts. In der Presse erscheinen Artikel über Ricardos Rauswurf. Monate vergehen. Der Vereinsvorstand rührt sich nicht, die Übungsleiter entschuldigen sich nicht bei ihm.

Wie gerne würde Ricardo sie auf den Sportwissenschaftler Ingo Froböse aufmerksam machen. Der Professor an der Sporthochschule in Köln vertritt eine gänzlich andere Meinung zum Sport im Alter, als die Übungsleiter des TSC-Gievenbeck. Auf die Frage, ob ein 80Jähriger denn wirklich noch Sport treiben müsse, sagt Froböse sehr bestimmt: "Ja, je älter man wird, desto mehr muss man sich bewegen, um fit zu bleiben". Ob im Vorstand schon jemand etwas von "fit für 100" gehört hat? Dieses Programm wurde von einem Kollegen Froböses, dem Professor Heinz Mechling im Jahr 2005 entwickelt. Schon seit Jahren wird damit, auch in Altenheimen, die sportliche Aktivität älterer BürgerInnen gefördert. Wer mitmachen will, ist willkommen, niemandem werden Steine in den Weg gelegt und das Lebensalter spielt keine Rolle.

Vorschlag zwecks Wiedergutmachung
Ricardo ist stolz auf seine peruanische Herkunft und er hat eine positive Einstellung zu seinem Alter. Er vertritt die Meinung, dass sich der TSC-Gievenbeck, der 1971 gegründet wurde, modernisieren muss. Der Verein sollte toleranter und offener werden, eine alternde Gesellschaft brauche das dringend. Der Verein könne auch über Ermäßigungen für RentnerInnen nachdenken. Damit auch BürgerInnen, die fit bleiben oder es werden wollen, aber nur eine kleine Rente haben, die Möglichkeit bekommen, Sport zu praktizieren.
Ein Sportverein, so Ricardo, solle keine Ähnlichkeit mit einem Pferdemarkt haben. Oder müssen wir uns Sorgen machen, dass SportlerInnen bald wegen ihres Gewichts, schlechter Zähne oder anderer Merkmale aussortiert werden, weil sie nicht in das Bild der Vereinsvorstände oder Übungsleiter passen?! Menschen zu selektieren müsse aus dem Katalog eines Sportvereins gestrichen werden!

Der neue Vorstand des TSC, der seit Ende 2021 im Amt ist, wäre deshalb gut beraten, sich im Namen von Integration, Verständigung und Toleranz beim ältesten Mitspieler der Basketball-Abteilung zu entschuldigen, der noch dazu auch am längsten Vereinsmitglied ist. Im Juni hat Ricardo Geburtstag. Also bald. Der TSC-Gievenbeck könnte zum Beispiel aus diesem Anlass für Ricardo eine Feier ausrichten. In den allermeisten Vereinen bekommen die Mitglieder nach 25 Jahren im Verein eine Anstecknadel, eine Urkunde und einen Blumenstrauß. Das wäre doch was. Ein Abschied mit Ehre würde für Ricardo einiges wieder gerade rücken.

Übrigens: Die Kreisligatruppe des TSC-Gievenbeck hat sich nach dem Rauswurf von Ricardo aufgelöst. Dazu muss man wissen: Als Ricardo vor über 20 Jahren beim TSC-Gievenbeck anfing, hatte der Verein drei Herren- und eine Frauenmannschaft. Im Laufe der Jahre haben Dutzende von Spielern den TSC verlassen und andere Vereine aufgesucht.

Ricardo spielt jetzt beim UBC-Münster
Ricardo lernt nun schwimmen und er spielt mehrmals in der Woche Basketball beim UBC-Münster, dem allerersten Verein in dem er als junger Mann genau so wie heute mit offenen Armen empfangen wurde!

Quelle: Ricardo Villanueva Cruz