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Medien-Enthaltsamkeit + Nachrichtenfasten: 10 Tage ohne

Foto: H.S.

20.11.2020 - von Hanne Schweitzer

Natürlich gab es Schwierigkeiten während meiner 10tägigen Nachrichtenvermeidung, die am 2. November 2020 begann, aus Überdruss über die stündlich anders aufgezwirbelten und arrangierten Katastrophenhäppchen aus "Corona", US-Wahlen und Streuseln aus dem Rest der Welt. Alles stets aufgeregt vorgetragen oder mit Knaller-Schlagzeilen garniert, die so gut wie nie eine Aussage darüber enthalten, wem das Annoncierte nützt oder schadet.

Der 2. November war ein Montag, und außer Allerseelen auch noch der Tag, an dem neue Coronaviren-Ausbreitungs-Verhinderungsmaßnahmen* in Kraft getreten sind, was als "zweiter Lockdown" propagiert wurde, Ausnahmezustand meinte, und Merkel wieder zum Einsatz ihrer Lieblingsphrase "nationaler Kraftakt" animierte.

Das aktive Vermeiden von TV- oder Radiokonsum, der Verzicht auf das Lesen von Online-Nachrichten und jedweder Netzsurferei waren die leichtesten Übungen. Das Auto wurde mit CDs und Kassetten ausstattet, das CD-Laufwerk zu Hause wiederbelebt, und Messagingdienste gelöscht.
Aufmerksamkeit war dagegen erforderlich, als es z.B. darum ging, die Zeitung aus dem Postkasten zu holen, sie ohne einen Blick auf die Titelseite zusammenzuklappen und auf den Zeitungshaufen werfen. Schwieriger war es, auf der Straße den Blick auf die Headlines der Zeitung im Zeitungskasten zu vermeiden, und die Titelseiten der ausliegenden Presserzeugnisse im Kiosk zu ignorieren.

Ungeübt lese ich am ersten Tag der Enthaltsamkeit ganz automatisch den Beginn einer Mail: "Zunehmender Widerstand gegen Corona-Maßnahmen von Lissabon bis Ljubeljana." Huch, ich merke, dass ich lese, schaffe es aber, damit aufzuhören. Eine andere Mail hat den Betreff: "Bundestagswahlen verschoben". So what! Ich öffne sie nicht.
Als Konsequenz aus dem ungewollten Informationseinbruch halte ich fortan ein DIN A4 Blatt so vor den Bildschirm, dass ich nur noch den Absender sehe. Einige Tage später kann mein Blick im Bahnhof nicht schnell genug einem Bildschirm mit "Infodemics" ausweichen. Wider Willen erfahre ich: "Impfkonzept beschlossen."

Schriftliche oder mündliche Nachrichten über das Weltgeschehen von Leuten, die ich kenne, hatte ich von meinem Medienfasten ausgenommen. Bedenkt man den Info-Input, dem wir uns aussetzen, blasen die willfährigen Trompeter in den Newsrooms der Internationalen Informationsordnung noch immer nicht effektiv genug. Denn viel war es nicht, was mir von anderen - also bereits gefiltert - zwischen dem 2. und 12. November 2020 erzählt wurde.

2. November 2020:
Frau: "Heftiges Erdbeben in der Türkei, die armen Menschen, Erdogan und Erdbeben, wie soll man das aushalten".

Frau: "Alle haben jetzt Angst. Terrassen werden aufgerüstet mit Fußwärmern und Heizpilzen, damit man draußen sitzen kann, auch an Weihnachten."

Mann: "Diese Wahnsinnigen kommen jetzt mit solchen Vorschlägen, das können sie später machen."
Ich ahnungslos: "Welche Vorschläge?"
Mann: "Dieser Lindner will doch vor das Verfassungsgericht."
Ich: "Warum?"
Mann: "Er will all diese aktuellen Corona-Maßnahmen kippen."
Und ich dachte, es ginge um die Verschiebung der Bundestagswahl!

Frau: "Merkwürdige Stimmung in der Stadt, als ob bei allen die Nerven blank liegen."

3. November 2020
Frau: "Ich habe wahnsinnig viel Zeit, alle Kurse sind abgesagt. Bei Coronagesprächen geschehen merkwürdige Sachen. Das ganze Potpourri "richtiger" Corona-Verhaltensweisen wird projiziert auf die anderen, die sich nicht richtig verhalten und uns die Suppe eingebrockt haben. Ich kann da nicht in Resonanz gehen. Da ist etwas dazwischen, so dass man nicht weiterreden kann. Woher kommt diese Wut?
Bei einer Freundin habe ich inzwischen das Gefühl, dass sie mich verachtet, weil ich nicht kritischer gegenüber den offiziellen Maßnahmen bin. Sie sagt es nicht, aber sie hält mich für ein Schaf."

Frau im Wäschegeschäft zur Verkäuferin: "Sie wissen ja, in Spanien zieht man als Frau Silvester einen roten Slip an, damit es ein gutes Jahr wird. Letztes Jahr habe ich in der ganzen Stadt keinen mehr bekommen. Und Sie sehen ja, was das für ein Jahr geworden ist!"

4. November 2020
Mann: "Medienentzug ist gerade angesichts der Nachrichten aus USA eine gute Lösung."

Frau: "Ich schreibe Dir natürlich nichts zur US-Wahl, aber würdest Du nicht fasten, würde ich zumindest zwei oder drei Sätze dazu schreiben. Auch, vielleicht sogar vor allem, um mir selbst Entlastung zu schaffen."

Frau: "In Düsseldorf kostet das Nichttragen einer Maske jetzt 25.000 Euro. Als nächstes wird wohl die Todesstrafe eingeführt."

Frau im Park: "Schweres Erdbeben in".
Ich: "Nein, nichts vorlesen."
Frau: "Aber wieso, selbst im Park sind wir vor Nachrichten nicht sicher."

Mann: "Das hat Altmeyer jetzt revidiert." Was, erfahre ich nicht, weil der Mann es vom Fahrrad einem anderen Fahrradfahrer zuruft.

5. November 2020
Kind: "Es muss noch ein Staat in Amerika ausgezählt werden."

6. November 2020
Frau: "Durch die Berichte im Fernsehen wissen wir nun alle ganz genau Bescheid über das US-Wahlrecht, warum das so kompliziert ist, und wie es sich mit den einzelnen Staaten verhält. Das ist wie eine bebilderte Schulfunk-Dauersendung."

7. November 2020
Frau: "Drei Menschen sind am Wochenende im jüdischen Bermudadreieck in Wien von einem Mann ermordet worden, der Allahu Akbar gerufen haben soll. Zwei in Ösiland aufgewachsene Türken haben einen Polizisten und eine alte Dame gerettet, das sind jetzt die Helden von Wien. Es hat sofort Demos gegen Antisemitismus und Rassismus gegeben."

Mann: "60 Millionen haben Trump gewählt, 90 Millionen Biden und die Wahlbeteiligung war so hoch wie nie!"

Frau: "Ich verfolge ja den Präsidentenclinch. Trump ist so hinfällig, er geht um die Ecke und muss sich festhalten."

Kind: "Ich bin für Jo."
Kind: "Ich bin für Trump, die haben im Fernsehen gesagt, der macht alles anders."

Mann: "In Georgia wird neu ausgezählt, weil es so knapp ist. In weiteren sechs Staaten wird wohl auch neu ausgezählt werden."

Frau: "Es gibt einen neuen Präsidenten, so viel ist klar, Aber wer ist es?"

8. November 2020
Frau: "Die haben jetzt ein Impfkonzept. Zuerst werden natürlich die Wichtigen und die Reichen geimpft. Das ist ja nicht schlecht, dann sind wenigstens nicht wir die Versuchskaninchen."

Frau: "Wir können nicht nach Italien fahren, Italien ist dicht.
Ich: "Ganz Italien?"
Frau: "Ja, soviel ich weiß."
Ich: "Und was ist mit Holland?
Frau: "Ich fürchte, Holland auch."

Mann: "Das amtliche Endergebnis wird erst Anfang Dezember in Washington verkündet."

Frau: "Die Infektionszahlen müssen sinken. Die Leute halten sich nicht an die Regeln. Was soll das nur werden!"

9. November 2020
Frau: "Heute ging durch die Presse, dass Pfizer einen Impfstoff hätte, der zu 90 Prozent Schutz bieten soll. Aber an wem wurde das getestet? Weißt Du das? Und woher wollen sie wissen, dass es 90 Prozent sind? Die Aktienmärkte haben jedenfalls schon reagiert. Aber jedes Kulturleben wird wohl, wenn sie die Maßnahmen verlängern oder neue beschließen, bis ins neue Jahr verboten bleiben. Das bedeutet weitere Kurzarbeit und viele Fehlstunden, die nachgearbeitet werden müssen.
Während der US-Wahlen haben sie in Berlin weiter am Infektionsschutzgesetz gebastelt. Alle Punkte, die von den Gerichten bisher gekippt worden sind, sollen nachgebessert werden. Aber das ist nicht in den Schlagzeilen, da geht es nur um die Impfungen - und vom Impfstoff der Russen ist natürlich kein Wort zu hören. Die sollen aber doch schon kräftig impfen!
Der Gipfel gestern war diese Sache: Ein Belgier möchte seine Freundin in Deutschland besuchen. Beide sollen ein Formular ausfüllen, aus dem hervorgeht, dass sie sich schon vor Corona kannten und nachweisen, dass sie mehr miteinander zu tun haben, als nur zu reden. Das darf doch nicht wahr sein! Ich werde versuchen, an dieses Formular zu kommen. Wie soll man nachweisen, das man mehr als reden miteinander zu tun hat? Mit Fotos? Sind platonische Beziehungen kein ausreichender Grund, um jemanden zu treffen?"

Mann: "Aber es stimmt schon - Sex ist wesentlich angenehmer und hat eher entspannende Wirkung, als diese belastenden Meldungen über den langsam sich abzeichnenden Niedergang einer ganzen Zivilisation."

Frau: "Ich will Dein Fasten nicht stören, aber diese Schlagzeile ist einfach zu gut": "Kontrolle in Köln - Polizei stößt auf Hotel voller Touristen".

10. November 2010
Frau: "Ich bin so froh, dass Trump weg ist, obwohl er ja noch nicht richtig weg ist."

Mann: "Ganz Düsseldorf hat jetzt Maskenpflicht, das hat die Stadt so beschlossen. Ausnahme: In Parks und am Rhein. Wer also die Mülltonne rausstellt, muss eine Maske tragen. Ein Mann hat dagegen geklagt, und heute soll im Laufe des Tages das Urteil verkündet werden. Dann ist wahrscheinlich wieder alles anders."

Frau: "Dass Biden gewonnen hat, habe ich gar nicht mitgekriegt. Ich habe mir ein Stück vom Düsseldorfer Schauspielhaus angesehen. Kafka, gestreamt. Solostück. Das war grausam. Es wurde ganz nah rangezoomt, 45 Minuten, man konnte den Sabber und die Spucke des Schauspielers sehen. Eklig. Gezoomtes Theater geht überhaupt nicht. Auf 3Sat habe ich mir den Menschenfeind von Moliere angeschaut. Berliner Inszenierung mit mehreren Kameras gefilmt, gut geschnitten. Das war zwar auch kein richtiges Theater, doch erträglicher."

Frau: "Heute morgen wollte Trump bei Fox-News auftreten, um seine Sicht der Dinge darzulegen. Weil er keine Beweise vorlegen konnte, hat der Sender die Pressekonferenz abgebrochen. Trump soll Krach mit Murdock haben. Ich habe mal die Zahl der Infizierten bei uns ausgerechnet, auf Basis der RKI-Zahlen. Wenn ich richtig gerechnet habe, ist nicht mal ein Prozent der Bevölkerung infiziert: 83 Millionen, 685.000 Infizierte."

11.November 2020
Mann: "Heute ist Ausnahmezustand. Man darf keine Büchse Bier in die Hand nehmen. An jeder Haltestelle stehen private Sicherheitsleute mit gelben Warnwesten, überall ist Polizei, es ist wie ein Kriegszustand. An jedem Büdchen hängt ein Schild: Heute kein Alkohol. Gestern Abend im WDR waren Wirte und Karnevalisten versammelt, alle ohne Ausnahme hatten die gleiche Meinung: Die Maßnahmen am 11.11. in Köln sind prima."

Frau: "Übrigens wusstest Du, das die Firma Biontech (Impfstoff) `An der Goldgrube 12` in Mainz residiert?"

12. November 2020
Frau: "Während der Wahl in Amerika bin ich jeden Tag bestimmt viermal ins Netz gegangen, um etwas Neues zu erfahren. Was habe ich davon gehabt? Nichts. Aber ich war beschäftigt."


Ob diese privaten Mitteilungen über das Weltgeschehen stimmen, habe ich nicht geprüft, die gefalteten Zeitungen bislang genauso wenig gelesen, wie Online-Blogs oder -Magazine, gestern allerdings die Bundestagsdebatte über die dritte Lesung des Dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite verfolgt. Hätte ich mir sparen können. Es lief alles wie angekündigt. Spahns Anzugsärmel lassen immer noch zu wünschen übrig, Ziehharmonika mäßig.

Vermisst habe ich, und tue es noch immer, weil ich es (noch) meide: Das Lesen der Zeitung zum Frühstück, und das Hören der Sendung "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur - am liebsten dann, wenn Marietta Schwarz oder Vladimir Balzer moderieren.


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Medienenthaltsamkeit I,
2. November 2020, Hanne Schweitzer unter: Link

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Untersuchung des Reuters-Institut in London über Nachrichtennutzung und Nachrichtenvermeidung während der Covid19-Pandemie im Vereinigten Königreich
So allein bin ich nicht mit meinem Medienfasten. Zumindest in Großbritannien wächst die Zahl derer, die monothematische Corona-Berieselung aktiv vermeiden. 22 Prozent der repräsentativ ausgewählten Befragten im Mai 2020 gaben an, dass sie häufig oder immer aktiv versuchen, Nachrichten zu meiden (Mitte April waren es 15 Prozent). Die Zahl derjenigen, die sagen, dass sie Nachrichten manchmal aktiv meiden, stieg im Mai auf 59 Prozent (Mitte April waren es 49 Prozent). Als Grund für das Nachrichtenfasten gaben die meisten an, besorgt über die Auswirkungen auf ihre Stimmung zu sein.

Nur 20 Prozent der Befragten sagten, dass sie nie aktiv versuchen, Nachrichten zu vermeiden. Dieselbe Frage, Anfang 2019 in einer Umfrage gestellt wurde, haben 36 Prozent (Newman et al. 2019) mit "nie aktiv vermeiden" beantwortet. Anfang 2017 waren es 48 Prozent (Newman et al. 2017).

Die Nachrichtenvermeidung ist laut dieser Studie gleichmäßig über verschiedene soziale Gruppen verteilt, wobei kleine Unterschiede je nach Einkommen, Bildung und politischer Orientierung bestehen.

Es finden sich einige signifikante Alters- und Geschlechtsunterschiede. Die 25- bis 44-Jährigen (von denen einige Eltern mit kleinen Kindern sein werden) sagen häufiger, dass sie Nachrichten immer oder oft vermeiden (28 Prozent) als Erwachsene unter 25 (19 Prozent) und über 45 (19 Prozent). Frauen (26 Prozent) sagen auch häufiger, dass sie Nachrichten meiden als Männer (18 Prozent).

Die Umfrage wurde vom Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford konzipiert, und von YouGov realisiert. Dazu werden zehn Befragungen in zweiwöchigen Abständen durchgeführt. Details über das Projekt und die Methodik finden Sie auf der Website. Link


Eine typisch deutsche Fragestellung haben Psychologinnen und Psychologen unter der Leitung von Prof. Dr. Georg W. Alpers an der Universität Mannheim in einer Umfrage untersucht: "Beeinflusst die Nachrichtenflut über Corona die Bereitschaft, sich an Verordnungen zu halten?" Pressemitteilung vom 5.11.2020 unter: Link Die Umfrageergebnisse finden sich in der Zeitschrift "Frontiers in Psychology" unter: Link


* Neue Coronaviren-Ausbreitungs-Verhinderungsmaßnahmen, 2.11.2020: Link

Quelle: Hanne Schweitzer