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Säkularisierter Westmensch zu Besuch beim klerikalen Nachbarn - Aus dem Archiv 1990

Foto: H.S.

14.11.2020 - von Hanne Zens

Aus dem Archiv: 6.2.1990

Auf dem Turm der Marienkirche geht zu jeder vollen Stunde das Fenster auf, ein Feuerwehrmann setzt seine Trompete an die Lippen und spielt eine Melodie, die nach wenigen Tönen abrupt abbricht. So wird in Krakau seit Generationen an die Belagerung der Stadt durch heidnische Tataren vor mehr als 700 Jahren erinnert.
Unten, im Seitenschiff der Kirche, eine Ausstellung. Man braucht die Texttafeln nicht zu lesen, braucht kein polnisch zu können, um zu erkennen, um was es geht. Zu niedlich sind die Föten auf den großen, vierfarbigen Fotos bei deren Anblick eine Alte sich hastig bekreuzt.

Eine andere Ausstellung. Im romanischen Kreuzgang des Dominikanerklosters informieren Fotos über die Aktivitäten des Ordens. Auf schwarz-weiß Bildern sind zerfallene Kirchen zu sehen die von Hutzelweibchen und jungen Priester entschuttet, abgestützt und wiederhergestellt werden.
Zerfallene Kirchen in Polen? Da stutzt selbst der säkularisierte Westmensch. Abgewrackte Fabriken, stoßdämpfergefährdende Löcher in den Straßen - das ja, aber heruntergekommene Kirchen? Selbst die der evangelischen Diaspora sind gut in Schuss.
Also eilt der Westmensch zu einer Karte, auf der rote Punkte die geografische Lage der Gotteshäuser markieren - und sieht: die Ukraine. Sieht 32 leuchtend rote Punkte im verlorenen polnischen Ostgebiet.

Dem Westmensch kommen profane Gedanken. Zwar war die heutige Ostgrenze Polens nie die Ostgrenze der römisch-katholischen Welt, aber bisher wurde in den polnischen Messen für die Glaubensbrüder nur gebetet.

Eine andere Kirche. An einem gewöhnlichen Wochentag ist die Frühmesse so gut besucht, wie bei uns allenfalls eine Christmette. Nicht dass es Krakau an Kirchen mangelt. 600 davon soll es in der Stadt geben, und das bei nur 720.000 Einwohnern.
Gläubige, die auf den Bänken keinen Platz mehr gefunden haben, knien auf dem Steinboden. Es ist kalt. Das Weihwasser im Becken gefroren. Wie fernes Wehklagen der Gesang des Chors auf der Empore. Gold und silbern funkelt der Barockaltar, die Madonnenbilder fast byzantinisch.

Solidarität, Solidarität. Immer wieder nennt der Priester den Namen der Bewegung, die Partei, Regierungspartei geworden ist und seit einem halben Jahr den Premierminister stellt. Der habe die Hälfte seines Lebens auf den Knien verbracht, spotten die Antiklerikalen über Masowiecki, meinen aber durchaus anerkennend, daß er ein guter Katholik und ein Mann mit guten Beziehungen zur Kirche sei.

Um gute Beziehungen zum Klerus zu haben, braucht man sich in Polen nicht sonderlich anzustrengen. Kirche in Polen: In den letzten 40 Jahren die tragende Säule der Konterrevolution. Dazu kommt, das schon mit fünf, sechs Jahren für die Kinder der kirchliche Unterricht beginnt. Und an dem muß bis zum 19. Lebensjahr mindestens einmal in der Woche teilnehmen, wer in den Besitz jener Bescheinigung kommen will, die zur kirchlichen Trauung berechtigt.
Da nun aber die polnischen Geistlichen in der Regel alle zwei Jahre versetzt werden, um sich nicht zu sehr an eine Gemeinde zu gewöhnen, lernt schon der junge Mensch etliche Priester kennen. Und von denen wird der eine oder andere vielleicht Prälat, Bischof, Kardinal oder gar Papst.

Ursula, eine 22jährige, polnische Germanistikstudentin, liebt den Papst. Vor allem, weil er Pole ist, vor allem, weil er aus Krakau kommt.

Patriotismus und Religion, in Polen fast ein Konglomerat. Denn als Woytila aus der Konklave als Papst zurückkam, war die Stadt von einer Schmach befreit. Von einer Schmach, die ihr zugefügt wurde, als König Zygmunt der Dritte, Warschau zur neuen Hautstadt machte. Das ist zwar schon 384 Jahre her, aber was sind in Polen 384 Jahre!

Der Heilige Vater, der nicht nur die Ehre Krakaus wiederhergestellt hat, sondern auch dafür gesorgt haben soll, daß RAI UNO sein gesamtes Programm nicht etwa aus Warschau, sondern nur aus Krakau ausstrahlt, - liebevoll gerahmt hängt er an der Küchenwand. Lächelt auf Ursula herab, die von den kirchlichen Gesprächskreisen erzählt, an denen sie teilnimmt. Da geht es um moraltheologische Fragen, um Ethik. Wie wird man ein guter Mensch, ein guter Katholik? Wie führt man eine christliche Ehe, wie erzieht man die Kinder, was ist wichtig im Leben? Dann, nach kurzem Seitenblick auf den Vater: Wir streiten auch mit den Priestern. Wir sind nämlich alle gegen das Verbot des vorehelichen Geschlechtsverkehrs und wir werden Verhütungsmittel benutzen, auch wenn die Priester das nicht wollen.

Wie denn der Einfluß der Kirche auf die Politik ist, will ich von Ursula wissen.

O-Ton:
"Ziemlich groß. Weil die katholische Kirche hat Einfluß an Volk und Volk hat Einfluß an Politik. Das ist zusammengebunden. Also die Kirche besonders jetzt, als die neue Regierung kam, ist sie mit der Regierung sehr befreundet, weil das klar ist. In unserem Sejm, also Parlament, kam dieses Jahr unser Primas, also Glemp, mit Oblaten. Haben Weihnachtslieder gesungen, Also das ist jetzt eine sehr sehr gute Freundschaft zwischen der Regierung und die achten darauf, dass die Kirche auch ein bißchen an der Regierung teilnimmt. Fragen in manchen Fällen, weil die Priester, also Kardinäle und Bischöfe sind auch sehr klug, wenn es um Politik geht." (...)

Ursula wirft wieder einen kurzen Blick auf den Vater.

O-Ton:
"Manchmal kann man auch sagen, kann man auch von den Priestern und Religion die Nase voll haben. Weil sind immer jetzt im Fernsehen, im Radio. Allgemein nur Priester sagen ihre Meinungen. Das ist auch ein bißchen anstrengend für alle normalen Leute. Zum Beispiel über Weihnachten jetzt, haben wir im Fernsehen nur Weihnachtslieder. (...) Und von morgens bis abends waren nur Weihnachtslieder. Priester haben Gebete gehalten. Oh, mein Gott."

Macht nichts, wirft der Vater ein.

O-Ton:
"Macht nichts, ja. Das erste Mal kann man das noch machen. Aber wenn nächstes Jahr wieder sowas wird, ich weiß nicht. Keine Filme, keine Unterhaltungsfilme, sondern nur Kollender, also Kollender, so heißt das bei uns. Weihnachtslied."

Oh mein Gott! Kündigt sich da der Anfang vom Ende der priesterlichen Hegemonie an?

Quelle: Privatarchiv, Erstsendung WDR 6.2.1990

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