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Über Generationen: Opa sein

Foto: H.S.

09.10.2019 - von Hatmut Jeromin

Immer das gleiche Spiel: Opa und die Enkelin. Was war das schön, auf dem Spielplatz zu sitzen und zuzusehen, wie gespielt wird. Mitten in Berlin. In meiner Kindheit gab es größere Spielplätze, so ganze Straßenzüge, Ruinen, Industriegelände, Bahnhofsanlagen, Ausstellungshallen, Zirkusgelände, zugefrorene Teiche, Flussufer, wenn man dafür Freiheit genug bekam oder sich einfach nahm. Mit dem ersten eigenen Fahrrad erweiterten sich diese Freiheiten beträchtlich … es saß niemand am Rande und sah zu. Oder vom Kindergarten abholen. Oder an einem heißen Sommertag ins Freibad. Da war ununterbrochen Wachsamkeit angesagt, sie konnte ja noch nicht schwimmen, suchte aber Kontakte zu den Familien da - aus aller Herren Länder.

Opa brauchte Gelassenheit dafür, z. B. ein Buch lesen ging nicht, die Wachsamkeit hätte nicht für das Kind gereicht. Gut also, es ist auch nie etwas passiert. Sie konnte aber auch herzhaft heulen, wenn Opa wieder seiner Wege ging oder fahren sollte. Abschiedstränen von Enkeln, wen berührt das nicht.

Weihnachtsmarkt in Berlin Mitte auf Opas Schultern war ihr zu langweilig, bald wurde sie da oben ungemütlich, sie quengelte. Also ab nach Hause, obwohl Opa noch manches sich angesehen hätte.

Mal ein Eis, Kekse, ein Würstchen oder nur eine Semmel waren normal, keine Staatsaktion. Auch in Kaufhallen an den spezifischen Regalen mit Kinderkram vorbei kamen wir meist ungerupft. Gut ausgedachte Mitbringsel waren bedeutsamer. Ein kleiner Puppenwagen mit Inhalt im richtigen Alter konnte langanhaltende Beschäftigung damit verursachen und wurde beim nächsten Besuch stolz vorgeführt.
Die Enkel in Amsterdam wollten sofort das mitgebrachte Schachspiel erlernen.

Was trieb mich aber immer wieder dahin, trotz der z. T. beträchtlichen Entfernungen? Nur familiäre Verbundenheit? Jede Generation hat wohl entsprechende Bedürfnisse. Die mittleren Lebensalter werden dabei sicher vor allem vom Alltäglichen gelenkt, für uns Ältere ist es das Besondere, der Lebenslauf im Rückblick und der Vorausblick, die Ahnung des Einmaligen in der Kindheitsentwicklung. Das macht es so spannend. Auch Willkommen und Abschied, jedes Mal zu durchleben. Und das Kind? Es probiert sich aus an der Geduld des Opas, immer erneut, immer noch mal.

Aber auch die Geduld kann ausgenutzt werden, von den Eltern. Wenn sie mal ausgehen wollen und der Opa ist gerade zur Hand, das kann dann dauern und alle Vorlesekünste werden ausgereizt. Und ein schlafendes Kind ins Bett tragen und erneut betten, das Nonplusultra der Opa-Kunst.

Und, der Opa verfolgt auch Ziele: Buchstabieren und zählen sind die einfacheren. Auch Waschen und Mundhygiene machen nicht so viel Mühe. Stufen zählen bis in die 5. Etage schon eher, aber wenn außer dem Einkauf auch noch das Kind, der Roller und die Puppe am Opa hängen bis in den 5. Stock, da wird’s knapp.

Und die Grundsatzfragen: Wann zu Bett gehen, wann früh aufstehen, wie und wieviel essen, was anziehen, wie die Haartracht, wie oft Hände waschen, welches Tier darf gestreichelt werden, welches eher nicht. Alles so Alltagsdinge, die schon mit Lebenserfahrung zusammenhängen.

Und, so meine ich, über das Kind/ die Kinder werden auch wesentlichere Fragen zwischen Eltern und Großeltern ausgetragen, manchmal sehr unbewusst. In Arabien ging es um die Unterschiede zwischen Jungen- und Mädchenerziehung, in Deutschland z. B. um Schutzimpfungen oder Zahnspange oder um Ethik und Moral in der Welt. Religion kommt auch vor. Aber immer: Wieviel Liebe will und kann man geben!
Meint im August 2019, nach entsprechenden Erfahrungen Hartmut Jeromin, gesegnet mit 6 Enkeln.

Link: Bevor ich über die Enkel schreiben kann
Quelle: Hartmut Jeromin