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Air Berlin-Pleite: Langstrecken nach der Wahl gestrichen

Foto: H.S.

06.10.2017 - von Hanne Schweitzer

Die Insolvenz der 1991 gegründeten Air Berlin betrifft 100.000 Passagiere, die ihre Tickets vor der Insolvenzstellung am 15. August gekauft haben. Um sich vor der Bundestagswahl Ärger von geprellten Passagieren sowie Air Berlin-MitarbeiterInnen und ihren Gewerkschaften zu ersparen, gewährte die Bundesregierung der Fluglinie, die bereits im Juli ihr letztes Flugzeug verkauft hatte, nur noch mit geleasten Maschinen unterwegs war, und bei ihrem Großaktionär Etihad Airlines mit einer Milliarde Euro in der Kreide steht, im August einen Kredit über 150 Millionen Euro.

Der Staatskredit aus dem Steuertopf gab dem politischen Personal Gelegenheit, seine Hirngespinste vor den Medien auszubreiten. Verkehrsminister Dobrindt (CSU) ging davon aus, dass der Flugbetrieb nun bis Ende November gesichert sei. Bundeswirtschaftsministerin Zypries (SPD) prahlte: "Damit verhindern wir eine Einstellung des Flugbetriebs."

Nach der Wahl werden die Langstrecken gestrichen
Am 25.9., dem Tag nach der Bundestagswahl, entfallen ab Düsseldorf die Flugverbindungen nach Curcao, Cancun, Havanna, Varadero, Punta Cana und Puerta Plata, Boston, Los Angeles und Orlando. Ab Berlin werden die Verbindungen nach Abu Dhabi, Chicago, Los Angeles, San Franzisko, Boston und Orlando gestrichen. Noch verbliebene Langstrecken (Miami, New York), werden von Air Berlin Mitte Oktober eingestellt.

Erstattungen und Umbuchungen für Passagiere, die ihr Ticket direkt bei Air Berlin gekauft haben, sind nicht möglich, Gutscheine können nicht eingelöst werden, Schadensersatzansprüche wegen Flugausfall oder Verspätung nicht gestellt werden, und ein Notfallplan der Luftfahrtbehörde, um gestrandete Passagiere zurückzuholen, existiert nicht. Zypries: "Kurzfristige Alternativen für einen Rückflug der Reisenden waren nicht zu gewährleisten."

Also sieh selber zu, wie Du nach Hause kommst! Die Ausstattung mit einem funktionsfähigen Mobiltelefon plus Internetzugang, einer belastbaren Kreditkarte und dazu umfangreiche Kenntnisse der Streckennetze aller Fluggesellschaften werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Außerdem kannst du ja die Service-Nummer von Air Berlin anrufen. Da werden Sie aber keineswegs geholfen. Nachdem Du 10 Minuten die Dauerbeschallung mit einem Lied über den Kilimandscharo ausgehalten hast, ist der Akku des Telefons leer. Und ohne "Handy" bist Du nichts mehr in dieser Welt.

Dem Kanadier B., der von Air Berlin keine Mail über die Stornierung seines Fluges bekommen hat, wird vom Servicezentrum der Vorschlag gemacht, doch zwei Tage später als gebucht statt nach Los Angeles für 1.600 Euro nach San Franzisko zu fliegen. Familie D. muss ihre Kreditkarte mit 3.000 Euro belasten, um mit zwei Kindern von Havanna mit der Air France über Paris nach Düsseldorf, dem "Kronjuwel von Air Berlin" zu kommen. Der Amerikanerin U., die auch nicht über den Flugausfall informiert wurde, unterbreitet ihr Travel Agent, der irgendwo in Indien sitzt, den Vorschlag, mit aeroflot von Düsseldorf über Moskau nach Los Angeles zu fliegen.

Gehalt des Air Berlin-Chefs durch Bankbürgschaft gesichert
Thomas Winkelmann, 58, ficht die Insolvent von Air Berlin nicht an. Zum einen, weil der ehemalige Germanwings-Geschäftsführer und Leiter des München-Geschäfts der Lufthansa für seinen früheren Arbeitgeber bei der Insolvenz an Start- und Landerechten herausgeholt hat, was möglich war. Zum anderen sind seine finanziellen Ansprüche als CEO von Air Berlin bei seinem Arbeitsbeginn im Februar 2017 über eine Bankgarantie in Höhe von 4,5 Millionen Euro abgesichert worden. Sein Brutto-Jahresgehalt liegt bei 950.000 Euro, dazu kommen variable Boni, ein einmaliger Mindestbonus von 400.000 Euro und weitere 300.000 Euro, um entgangene Pensionsansprüche zu kompensieren. Der frühestmögliche Kündigungstermin seines Vertrags wurde auf Ende Januar 2019 festgesetzt.

Stornierte Flugtickets erhöhen die Insolvenzmasse
Die 100.000 Langstreckentickets und alle anderen, die vor dem 15. August bezahlt wurden, ihre Gültigkeit durch die Insolvenz aber nun verloren haben, werden der Insolvenzmasse zugeschlagen. Bei einem angenommenen durchschnittlichen Ticketpreis von 800,00 Euro sind das 80 Millionen. Und weil Gläubiger üblicherweise bei einer Insolvenz nur zwei bis drei Prozent ihrer Forderungen erhalten, verschwinden ca. 78 Millionen Euro aus den Sparstrümpfen der BürgerInnen auf nimmer Wiedersehen in der Insolvenzmasse der zweitgrößten Fluggesellschaft Deutschlands.
Und weil der Flugbetrieb ja keineswegs, wie von Frau Zypries versichert, aufrechterhalten wurde, kommen dazu noch die Euros, die für einen Rückflug an eine andere Airline gezahlt werden müssen

Alles anders in Großbritannien
110.000 Passagiere der 1968 gegründeten britischen Fluggesellschaft Monarch Airlines sitzen im Ausland fest, als am Montagmorgen des 2.10. 17 um vier Uhr die Insolvenz der 1968 gegründeten Fluglinie bekannt wird. Wenig später stellt eine Sprecherin der britischen Luftfahrtbehörde CAA in der BBC-Radio-Sendung "Today" einen Plan vor, den ihre Behörde nach einer entsprechenden Anfrage der britischen Regierung seit viereinhalb Wochen für den Fall einer Insolvenz von Monarch vorbereitet hat.

Um die Passagiere aus weltweit 40 Orten nach Großbritannien zurückzuholen, wird in den nächsten 14 Tagen die größte Rückholaktion in Friedenszeiten durchgeführt. Dazu wurden von 16 Fluglinien 34 Flugzeuge gechartert, um die 110.000 Passagiere mit ca. 700 Flügen möglichst am selben Datum, zur selben Zeit und am selben Flughafen wie zuvor bei Monarch gebucht , nach Gatwick, Manchester, Birmingham und Bradford zurückzubringen. Die Kosten der Operation liegen bei ca. 60 Millionen Pfund.

Warum wird das Geld der Steuerzahler in Großbritannien auf diese Art benutzt und warum bekommt hierzulande Air Berlin das Geld? Und warum gibt es hierzulande für Kunden, die ihren Flug selber gebucht haben, keinen Insolvenzschutz?
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9.10.2017:
Die Air Berlin-Pleite hat die Preise in die Höhe katapuliert. So kostete am 9.10., dem Tag, als Air Berlin die Einstellung des Flugbetriebs für Ende Oktober bekannt gab, ein Flug in der Economy-Klasse H der Lufthansa, was so viel bedeutet wie Ölsardinensitz, Transport eines Koffers kostenlos und "Erstattung: Einbehalt 190 EUR, plus Tarifdifferenz" - von Düsseldorf nach Los Angeles und zurück stolze 1. 660 Euro incl. Umsteigen in Frankfurt und München.

Link: Abzockerin im Kostümchen: Ein Milliönchen pro Monat mindestens
Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung

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