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Bad HERSFELD: Frag Henner und Marie…

Bad Hersfeld, Henner und Mari. Foto: H. Jeromin

18.08.2017 - von H. Jeromin

Wenn du dich in Bad Hersfeld schlau machen möchtest, denn es gibt da viel zu erfahren und zu hören und zu sehen, bekommst du ein Schulterzucken. In 1.200 Jahren ist da aber auch so viel passiert, wer soll sich da genau auskennen? Doch, ja, die Lehrer in Rente, die wissen es! Oder das Zeitungsarchiv der „Hersfelder Zeitung“ natürlich, vor deren Tür aber sitzen sie auch: Henner und Marie, die beiden fragen!

Also, was war noch außer Luther zu erfahren?
Wir müssen dazu in den Buchladen und ein Buch von Wilhelm Neuhaus (1873 – 1956) kaufen und dann haben wir die „Geschichten von Hersfeld“: Und nun ab mit Neuhaus in das Mittelalter zu Karl dem Großen (748 – 814). Der reiste umher, aus seiner Hauptresidenz Aachen heraus schuf er mit seinem Frankenreich das erste europäische Großreich nach der Antike.

Das konnte er natürlich nicht alleine, dazu brauchte er u.a. seine Kettenreiter und die konnten hauen und stechen! Und die wiederum wollten versorgt sein und ihre Pferde. Also wurde geraubt und geplündert und natürlich der „Zehent“ kassiert von den Untertanen. Ein Feindbild wurde auch gebraucht, das lieferten die Sachsen und viele andere Völkerschaften. Die Sachsen lebten damals im Norden, da wo heute sich Niedersachsen erstreckt und denen ging es an den Kragen. Es endete vorerst etwa an der Linie Hamburg, Magdeburg, Regensburg. Weiter nach Osten ging es erst später, bei Heinrich und Otto, da dann auch bis Meissen.

Und dazu wurde auch eine Ideologie gebraucht, geliefert wurde die von der frühmittelalterlichen Christenheit in Gestalt des Bischofs Lullu aus Mainz und seiner Kirchenprovinz. Auch der jeweilige Papst spielte mit, sowie jede Menge Mönche. Und die gründeten um 769 in der Gegend ein Kloster, rodeten dazu Wald, machten Land urbar und errichteten Gebäude. Der Ort bevölkerte sich. Also übergab Lullu dann 775 das Kloster an den König Karl. Und dieser förderte nun seine Reichsabtei : Mit Schenkungen.

Geschenkt wurde der jeweilige Zehent von Salzungen, Mihla, Tennstedt, Apfelstedt, Mühlhausen, Zimmern, Gotha, Wolfis, Hochheim, der ganze Hassegau mit Friesenfeld, allesamt in Thüringen und Nordthüringen. Alles in Richtung des Sachsenlandes. Insgesamt bis 780 schon 175 zehentpflichtige Orte! Das waren am Ende 60.000 Morgen Land, 193 Ortschaften, davon 132 in Thüringen, besonders im Norden Thüringens, das machte ca. ¾ des Klosterbesitzes. Das Besondere daran war auch, dass diese Schenkungen nicht irgendwo erfolgten, sondern im Lößgebiet, begünstigt von der Natur für gute Ernten!

So wurde Hersfeld die bedeutendste Diozöse Deutschlands!
Gelegen in der Mitte des späteren Reiches, zunächst aber angrenzend an die „Sachsen“, denn die Mönche sollten das von Karl eroberte Land christianisieren. Das taten sie u.a. durch den Wigbertikult. Dazu mußte der in Fritzlar ausgegraben werden und prunkvoll in Hersfeld wieder bestattet werden. Und dazu mußten Wunder herhalten und so wurde er auch mit einer neuen Kirche , einem gewaltigen Dom, der alle anderen Kirchen in Deutschland überragte, geehrt.

Und in den Ruinen eben dieses Domes finden heute die Hersfelder Festspiele statt, u.a. mit einem Stück von Dieter Wedel über das Leben Martin Luthers („Der Anschlag“, ohne jede Poesie, da wird nur gefurzt und geschissen). Welch Zufall!

Aber was bedeutete nun der Zehent?
So: Als Großzehent bedeutete er Abgabe von Getreide und Großvieh, die Zehentscheune war das zweitgrößte Gebäude im Ort nach der Kirche. Als Kleinzehent auch Gartenfrüchte und Kleinvieh. Wilhelm Neuhaus beschrieb das so: Die Herren ließen zwar die Jagd, den Wald, die Fischerei nicht aus ihrer Hand, den anderen Landbesitz verpachteten sie aber an ihre Hintersassen und die waren abgabepflichtig. Sie zahlten das Weinfuhrgeld, den Grundzins, das Lehngeld, sie lieferten Korn und Hafer, Hühner, Trifthammel, Rinderzungen, Wachs, sie ackerten, sie düngten, sie schnitten Korn, sie droschen, sie transportierten, sie halfen im Wald und bei der Jagd und vieles mehr. Der nasse Zehent war der Weinzehent. Die Hand der Herren, hier der Mönche lag nicht leicht auf der Schulter der Bauern, dadurch wurden sie ständig daran erinnert, daß sie unfrei waren im Gegensatz zu den Stadtbürgern u.a.

Im Kloster konnte man davon sicher gut leben, man mußte nur dafür sorgen, daß geliefert wurde. Dafür wollte man schon die Heiden bekehren, taufen, in die Kirchen holen, trauen, beerdigen und für die Seelen beten und was da mehr zu leisten war. Und jede Menge über die Stränge schlagen. Und das ging sehr lange auch gut.

Bis 1525 auch die Bauern rebellierten, neben Luther auch Thomas Münzer. Und wieder wurde „scharf“ nachgewaschen bei Bad Frankenhausen. Und so ging am Ende die religiöse Macht mehr und mehr in die Macht der weltlichen Herrscher über, aber es blieb Macht mit jeder Menge Auswüchsen, Verzerrungen, Ungeheuerlichkeiten, mit Oben und Unten, Herr und Knecht, mit Freiheit und Unfreiheit. Bei den einen wie den anderen.
Darüber zerfielen ganze Reiche und Dynastien.

Wie bei diesen Verhältnissen immer wieder Bauern da waren, die das Lebensnotwendige herstellten, blieb mir ein Geheimnis. Zumal ja auch noch direkte Kriegseinwirkungen und Seuchen, Mißernten und Naturkatastrophen die Leute heimsuchten. Sicher hat auch beim Ertragen dieser Beschwernisse die Kirche mitgeholfen, denn es war wirklich zum Verzweifeln, wie man leben mußte, - da half vielleicht nur das Versprechen auf ein besseres Jenseits- und daran glaubte man natürlich! Es blieb nichts anderes übrig als zu glauben! Not lehrt beten aber auch kämpfen!

Dieses hat in Hersfeld im Sommer 2017 Hartmut Jeromin auch erfahren, nicht direkt von Hannes und Marie, aber doch in Hersfeld dank der Lehrer im Ruhestand und das ist doch auch sehr schön. Aber er denkt auch: das mit dem Zehenten gibt es doch heute auch, als Einkommenssteuer (15 -50%) und Verbrauchssteuer/ Mehrwertsteuer (7 – 19%) und noch so verschiedener Gebühren für den Fiskus. Und Repression bei deren Einziehung gibt es sicher auch. Also, die Zeiten haben sich nicht so grundlegend gewandelt!

Link: Dem Arbeiter ein sorgenfreies, heiteres Alter oder: Arbeitslohn=Wurzel aus a mal p
Quelle: Hartmut Jeromin