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Bergrutsch in Big Sur

Foto: H.S.

29.05.2017 - von cc. Hanne Zens

An der schönsten Straße Kaliforniens, dem Highway 1 zwischen San Simoeon und Monterey, ist letzte Woche ein regengetränkter Berg ins Rutschen gekommen. Wenige Meilen von Monterey entfernt machten sich anderthalb bis fünf Millionen Tonnen Erde, Felsstücke und Geröll auf den kurzen Weg zum Pazifik. Dabei begruben sie 500 Meter des Highway 1 unter sich und fügten der Küstenlandschaft von Big Sur eine neue Landzunge hinzu.

Das soll nun alles abgetragen und der frühere Zustand wieder hergestellt werden. Aber wie? Wohin mit den Bergresten, die sich 12 Meter hoch und einen halben Kilometer breit auftürmen? Wer soll das bezahlen? Wie lange wird das dauern?
Durch die heftigen Winterregen, die nach fünf Jahren Dürre im Winter 2016/2017 in Kalifornien niedergegangen sind, entstanden an kalifornischen Straßen Schäden, deren Reparatur auf 1,3 Milliarden Dollar veranschlagt wird - ohne den aktuellen Erdrutsch, und den weiteren landslades, mit denen gerechnet wird.
Siehe Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=3dOAd_wCqu4

Das ist nicht wirklich überraschend, wie ein 35 Jahre alter Text belegt, der einen anderen Text zitiert, der 30 Jahre früher vom Big Sur-Bewohner Henry Miller geschrieben wurde.

Big Sur, 1982
Jeder Reisende hat so seine Erlebnisse mit Landschaften. Manchen lässt sich der trotz der glühenden Beschreibung im Reiseführer nichts abgewinnen. Obwohl man sich häufig nicht traut, das laut zu sagen: Man findet sie einfach langweilig. Bei anderen Naturen stört das Klima, die Mücke oder der Wind. Aber manchmal ist das anders. Dann passiert etwas zwischen uns und der Natur. Die Landschaft rührt uns an. So sehr, dass wir in einer Stunde alle Filme verknipst haben. Auch wenn bei jedem Druck auf den Auslöser klarer wird, dass es nichts zu fotografieren gibt. Weil das, was in uns passiert ist, nicht im Labor mitentwickelt werden kann.

Irgendwann hören wir dann auf, mit der Kamera herumzulaufen. Wir benutzen unsere Nase und bemerken, wie viel Duft in der Luft ist. Wir sehen so intensiv, dass wir es bis in den Bauch fühlen. Wir können uns auf einmal unter einen Baum setzen, mit dem Rücken gegen seinen Stamm lehnen und nichts tun. Wir haben nicht die Befürchtung, dass es jemand kitschig finden könnte, wenn wir uns in den nassen Sand legen, um zu erleben, wie die Sonne ins Meer eintaucht. Wir nehmen uns nicht mehr so wichtig und verfügen deshalb über den Mut und die Freiheit, das zu überdenken was wir bisher mit unserem Leben gemacht haben.

Für mich war Big Sur dieses Landschaftserlebnis. Vielleicht war ich eingestimmt worden durch Henry Millers Buch „Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch“, das ich Jahre vor meinem ersten Aufenthalt gelesen hatte. Obwohl seitdem Unmengen von Publikationen über Big Sur erschienen sind, habe ich bis heute keine bessere Beschreibung dieser Landschaft und der dort lebenden Menschen gefunden. Und keine prophetischere.

Miller, der von 1945 bis 1962 hier lebte, stellte schon 1951 fest: „Die Ausflügler und Besucher nehmen von Jahr zu Jahr zu. Was mit jungfräulicher Bescheidenheit begonnen wurde, droht als Goldgrube für Reisebüros zu enden. Die ersten Aussiedler starben weg. Sollte ihr Landbesitz in kleine Parzellen aufgeteilt werden, kann sich Big Sur schnell zu einem Vorort Montereys entwickeln mit fahrplanmäßigem Omnibusverkehr, Wurstbratereien, Tankstellen, Geschäftsfilialen und all dem andern widerlichen Firlefanz, der einen Vorort so schauderhaft macht.“

Miller hat recht behalten. Zwar gibt es bis heute weder eine Mc Donalds-Niederlassung noch eine Ampel oder Werbetafeln an der 150 Kilometer langen Küste; auch sind es nicht die Reisebüros, die sich eine goldenen Nase verdienen an den 2 Millionen Touristen, die jährlich den Highway 1 entlangschlängeln, verdienen. Es sind die Bodenspekulanten, Makler und Baufirmen, die Gold gerochen haben. Sie stehen bereit, um für zahlungskräftige Kunden jede Parzelle Land, deren sie habhaft werden können, mit einem ökologisch adretten Einfamilienhaus zu versehen. Neubauten auf Grundstücken, die je nach Aussicht und Größe eine sehr ansehnliche Summe kosten, sind bisher nur mit Genehmigung der staatlichen Küstenkommission möglich. Diese Genehmigungen werden zwar selten erteilt, aber Umweltschützer weisen auf den Norden hin. Hier stehen heute Häuser dicht gedrängt, wo vor 10 Jahren nicht mal eine Hütte war.

Um Big Sur davor zu retten, zum Nutzen weniger, doch auf Kosten vieler ausgebeutet zu werden, haben sich seine Bewohner in zwei feindliche Lager zur Verteidigung gespalten. Das eine will die Küstenlandschaft der Kontrolle der Bundesregierung durch den US Forest Service unterstellen. Der soll dafür sorgen, dass die großen Ranches nicht geteilt werden und private Landbesitzer das Land erst der Regierung zum Kauf anbieten müssen. Außerdem sollen die zum Verkauf gezwungen werden, die mit ihrem Besitz anderes tun, als der Erhaltung der Landschaft dienlich ist. Immer wieder wird auf die Veränderung des Lake Tahoe Gebiets hingewiesen, das in wenigen Jahren von einem ruhigen Fleckchen Erde zu einem Zentrum der kalifornischen Touristenindustrie geworden ist: Mit riesigen Hotelkapazitäten und Ferienhäusern in allen Größen und Preislagen. Einen staatlichen Entwicklungsplan gab es nicht.

Die Kontrolle der Bundesbehörden ist aber genau das, was die Befürworter im anderen Lager zur Erhaltung von Big Sur so fürchten, wie die Maus die Katze. Sie weisen darauf hin, dass die Regierung in Washington nie genug Geld haben wird, um den Landbesitzern das zu bezahlen, was sie auf dem freien Grundstücksmarkt für ihren Besitz bekommen könnten. Sie finden es unerträglich, dass in einem sogenannt freien Land 46 Prozent des Bodens in Kalifornien und 25 Prozent des Landes in Monterey County ohnehin bereits dem Staat in Form der Bundesregierung gehören. Und sie befürchten, dass der US Forest Service in Big Sur ein Naturreservat errichten will, in dem für die Bewohner der Gegend kein Platz mehr ist. Sie haben Angst, daß ihr von Recycling, Technologie- und Konsumverzicht bestimmtes Leben mit seinen ganz anderen Werten und Verhaltensmaßstäben durch den Staat weggeplant werden soll. Miller 1951: „“Aber was haben denn nun diese jungen Leute entdeckt …? Dieses: daß die amerikanische Lebensart nur ein Scheindasein ist und daß der Preis für die Sicherheit und den Überfluß, die sie angeblich bietet, zu hoch ist.

Wenn auch diese >Renegaten< noch klein an Zahl sind, so weist doch ihre Existenz schon darauf hin, daß die Maschine einen Knacks bekommen hat. Wenn der große Schlamassel kommt, wie es jetzt als unvermeidbar erscheint, werden sie wahrscheinlich die Katastrophe leichter überstehen als wir anderen. Sie wissen wenigstens schon, wie man ohne Autos, ohne Kühlschränke, Staubsauger, elektrische Rasierapparate und die anderen >Unentbehrlichkeiten>, ja, sogar ohne Geld auskommen kann.“

Die Vertreter der „Friends of Big Sur“ bringen immer wieder das Beispiel einer Gegend in Ohio vor, die dem National Forest Service zur Verwaltung übergeben wurde: mit dem Ergebnis, daß Farmer, die seit Generationen dort gelebt hatten, ihr Land verkaufen und verlassen mußten. Sie paßten mit ihrem Beruf und ihrem Leben nicht ins >Wilderness-Konzept> der Behörde. Darum wollen sie den Schutz ihrer Küste selbst in die Hand nehmen.

In der Zwischenzeit werden die Touristen weiter nach Big Sur kommen und sich auch nicht von den Parolen an den Felsen der Berge, die sie zum Umkehren auffordern, abhalten lassen. Wer könnte es ihnen verübeln?

Den hohen Preisen der wenigen Motels läßt sich durch einen Aufenthalt im Pfeiffer State Park entgehen. Auch wer eigentlich kein Campingfreund ist, wird einen mehrtägigen Aufenthalt hier nicht bereuen. Egal, ob Besucher zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einem riesigen Campingwagen am Eingangstor des Parks ankommt, jeder erhält für sein Zelt so viel Platz zur Verfügung, dass ein Einfamilienhaus sich bequem darauf bauen ließe. Ein großer Tisch, Bänke und ein Barbecue gehören zur festen Einrichtung jeder Parzelle. Ein kleines Flüßchen mit glasklarem und erfrischend kaltem Wasser ist in der Nähe und zu Fuß zu erreichen. Natürliche Vertiefungen bilden tiefe Becken, in denen sich hervorragend schwimmen und angeln läßt. Das Camp steht in einem Redwoodwald, der so dicht ist, daß er im Sommer genügend Schatten gibt, ohne kühl und feucht zu sein.
Es gibt zwei Geschäfte, eine Münzwäscherei, am Abend Lagerfeuer mit Informationen über die Landschaft, die Pflanzen und Tiere, Wer nicht auf einige Faust die Gegend durchstreifen will, kann sich den täglichen von Rangern begleiteten Spaziergängen anschließen. Hinterher wird er Senf von Anis unterschieden können und Eukalyptus von wildem Flieder. Er wird wahrscheinlich abends wilden Thymian auf die Steaks streuen und ein Bündel Squawbrush gegen Kopfschmerzen gepflückt haben. Oder er weiß alles über die merkwürdigen Redwoodbäume, die nie sterben.

Wer lieber Wind und Sand um die Nase hat, kann in zehn Minuten auf abenteuerlich schmalen und schlaglochreichen Wegen zum Pazifik fahren. Hier wird er einen Sandstrand vorfinden, der sich nicht nur durch die Abwesenheit von jeder Möglichkeit, Geld auszugeben, von jedem anderen Strand in Kalifornien unterschiedet. Die Italiener haben zwei Worte für Strand. Die, die gestaltet wurden, heißen lido, die, die noch so sind, wie sie schon immer waren, heißen spiagga. Der Strand in Big Sur ist spiagga. So sehr, dass ein Seehund, der um die Klippen schwimmt, so wenig an Zoo oder Zirkus erinnert, wie das Viertel der höchstens 50 Besucher, die sich Wind, Sand und Sonne nackt aussetzen, an organisierte Freikörperkultur.

Wenn Sie dann abends erschöpft von so viel Natur in Ihr Zelt oder Ihren Camper kriechen wollen: Erschrecken Sie nicht, wenn plötzlich zwischen den Bäumen vier Augen funkeln. Das wird ein Waschbärenpärchen sein, das nur darauf wartet, sich all die Lebensmittel zu Gemüte zu führen, die Sie draußen stehen gelassen haben.
Wer es komfortabler liebt und den Kampf mit den Zeltstangen scheut, die bei den meisten US-Zelten außen sind, der kann auch im Big Sur Lodge übernachten. Das ist eine Ansammlung kleiner, gemütlicher Holzhäuschen, in denen je ein Zimmer mit zwei Doppelbetten und Bad eingerichtet ist. Zwar abgelegen vom Camp und mit reduzierter Natur, dafür dann mit Rasen und Swimmingpool. Auch hier sollten die Reservierungen spätestens vier Wochen vorher bei Ticketron gemacht werden. Wegen der großen Nachfrage beträgt die maximale Aufenthaltsdauer im Pfeiffer State Park eine Woche. Noch etwas: Nachts wird es auch im Sommer sehr kalt. Nehmen Sie einen dicken Pullover mit.

Hanne Zens in:
Richtig Reisen Kalifornien, DuMont Verlag Köln, 1982

Link: Nach Hause kommen im Frühjahr 2017
Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung