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Wohnen im Alter: Die Wohntonne

Berlin, 2009 Foto H.S.

25.11.2012 - von H.S.,H.H.,B.S., W.B.

Statt sich in der deprimierenden Realität der Olivenstaaten umzuschauen, konzipierte ein Student der Fachrichtung Industriedesign im beschaulichen Halle für die Zeit nach der "Kollabierung des Sozialsystems" eine Mülltone zum Wohnen - speziell für ältere und arme Menschen.

Die sogenannte "Wohntonne" für Weggeworfene(s) besteht aus einem gelben, von einer Seite zugänglichen Müllcontainer, in dessen Deckel und Innenraum Stauraum für Nahrungsmittel, Frisch- und Abwasser und ein Feuerlöscher integriert wurden. Letzterer gilt dem Studenten wohl als lebensnotwendig.
"Rumpel", nennt der junge Mann seinen Entwurf. Rumpel bedeutet im Mittel- und Süddeutschen `Gerümpel´". Und ein Rumpelkasten, das ist einer, in dem Gerümpel verwahrt wird.

Wer sich heute ins Gespräch bringen will, muss Schreckensszenarien kombinieren. Nur dann springt die mediale Windmaschine an. Hätte der Student eine Mülltonne zum Wohnen für arme Designer entworfen, wäre allenfalls ein medialer Hauch zu bemerken gewesen.

Was immer mehr Menschen beängstigt und in der Nacht schlecht schlafen lässt, den angehenden Industriedesigner ficht das nicht an. Er addiert stattdessen Alter, plus Armut, plus Obdachlosigkeit, plus Zusammenbruch des Sozialsystems und entwickelt aus der Summe seine Produktidee - sein Modell der "Wohntonne". Das konnte er im Oktober auf der Grassi-Messe in Leipzig vorstellen. Ihm gehe es darum, sich in die Diskussion um den demografischen Wandel einzubringen, meinte der junge Mann. Die Juroren der Messe sahen das ebenso. Um den MessebesucherInnen "einen umfassenden Blick auf Innovationen und Tendenzen, aber auch auf langfristige Entwicklungen" zu ermöglichen, traf eine Fachjury die "Auslese" unter all den eingereichten Bewerbungen. Schließlich können "Thema und Anliegen" der Grassi-VERKAUFSmesse nur durch "Auslese und Förderung von Qualität" erreicht werden.

Von Dieter Hildebrand stammt der Satz: „In Deutschland ist das Altwerden im Prinzip erlaubt, aber es wird nicht gern gesehen.“ Anders ist das bei diesem angehenden Industrie-Designer und den Juroren der Grasi-Messe 2012. Sie setzen "auf langfristige Entwicklungen", auf die mediale Windmaschine - und auf "Auslese". Auslese gilt schließlich als Triebfeder der Evolution.
Hanne Schweitzer

Die Jury der Grassi-Messe 2012 finden Sie unter Link

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"Vor einigen Jahren war das noch ein zynischer Lacher, wenn Volker Pispers sagte: "Zuerst leben sie mit Niedriglöhnen bei Wasser und Brot. Dann gehen sie in Rente und machen erstmal ein Fass auf. Und dann ziehen sie in das Fass ein."

Tja, und wie wir nun sehen, wird aus diesem Fass eine Mülltonne.
Was insofern auch passender ist - denn ausgebeuteter und zu alt gewordener Menschenabfall gehört schliesslich in den Abfall.
Es gibt sehr, sehr viele Leute, die meinen: Das getrauen die sich nie! Es sind genau diese Leute, vor denen sich die, die sich das angeblich nicht getrauen, nie, nie fürchten müssen.

Die Wohntonne soll hier als Symbol verstanden werden. Vielen kann man inzwischen nur die Gnade des baldigen Frühablebens wünschen, denn dann könnten sie mit ihren Scheuklappen gerade noch recht behalten haben."
H. H.

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Dieser Typ beweist, wie verkommen und krank unsere Gesellschaft
ist. Diesen Kerl sollte man wegen Altersdiskriminierung anzeigen.
B.S.

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Auch ich finde, dass das eine bodenlose Altersdiskriminierung ist und ich sehe auch nicht den Ansatz von Humor. Ich bin bestimmt keine Spaßbremse, aber was zu viel ist, das ist zu viel. Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen. Es ist empfehlenswert, wenn sich andere diesem Protest anschließen.
W.B.

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Sehr geehrte Frau Schweitzer,
vielen Dank für Ihren kritischen Hinweis bezüglich der "Wohntonne", die Sie auf der Grassimesse gesehen haben.

Im Prinzip haben Sie völlig Recht mit dem was Sie einwerfen, auch den Hinweis dass die Medien sich immer auf das scheinbar Spektakulärste kaprizieren, ist auch in unseren Augen nicht immer förderlich, gerade wenn es um ernsthafte Themen geht.
Wir haben jedenfalls die Medien nicht dezidiert auf die Wohntonne hingewiesen.

In Ihrem Artikel zitieren Sie die Leitlinien unserer Auswahlkriterien. Diese beziehen sich jedoch in erster Linie auf die Einzelaussteller, die sich für die Grassimesse bewerben und für deren Auswahl die Jury verantwortlich ist. Die Jury ist also völlig unschuldig, was die Wohntonne betrifft.

Die drei Hochschulen und ihr Projekt "Design für Morgen" wurden vielmehr vom Museum explizit eingeladen, weil uns das Thema sehr am Herzen liegt.

Bei solchen Hochschul-Projekten kann man nicht immer vorhersehen, welche Ergebnisse letztendlich herauskommen. Im Grunde waren wir (das Museum) und die Projektbeteiligten uns im Vorfeld aber einig, dass es Design für Ältere sein sollte, das aus dem Blickwinkel der heutigen Jugend entwickelt werden sollte. Dabei war im Laufe der Vorbereitungszeit abzusehen, dass das Spektrum erfreulicherweise sehr breit werden würde, nämlich von tatsächlich praktikablen Dingen, über ironisch-witzige Entwürfe- bis hin zu konzeptionellen Arbeiten.

Die Wohntonne war dann in der Tat ein Entwurf, bei dem uns klar war, dass er Kontroversen auslösen würde. Aber im Kontext der vielen anderen Entwürfe schien die Wohntonne uns aus vielerlei Hinsicht dennoch bedeutsam: Erstens hat sie wie gesagt das Spektrum erweitert, also nicht nur Wunschvorstellungen bedient wie etwa der "Generationen-Schauckelstuhl" und das High-tech Produkt der "intelligenten Tischdecke", sondern einen weniger schönen Aspekt, nämlich die drohende Altersarmut, thematisiert.

Wir wissen ja alle, dass es Altersarmut gibt. Wir hören und lesen ständig darüber, haben ständig die Grafik des demografischen Wandels vor Augen - aber die reale Altersarmut hält sich zumeist versteckt und spielt sich in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar ab.

Ich bin überzeugt, dass der junge Student keine diskriminierenden Absichten hatte, sondern -ganz im Gegenteil- auf eine immer prekärer werdende Situation aufmerksam machen wollte, in dem er die Finger in die Wunde legt.

Die Wohntonne ist natürlich aus vielerlei Gründen kein wirklich umsetzbares Wohnmodell- hier hat der Student auf das künstlerische Stilmittel der Fiktion gesetzt.

Kein Mensch wünscht sich später, bildlich gesehen, in der Tonne zu landen- aber die Wohntonne hat das Problem nicht ausgeklammert, sondern thematisiert- wenn auch, zugegeben, sehr überspitzt und drastisch.

Ich persönlich- und ich zähle auch nicht mehr zu den Jüngsten- habe diesen Entwurf als Aufruf verstanden, es nicht soweit kommen zu lassen.

Ich konnte auch beobachten, dass sich während der Messe viele gute Gespräche zwischen älteren Menschen und dem Designer ergaben, was uns doch Anlass zur Hoffnung gibt, dass Jung und Alt gemeinsam das Problem angehen sollten.

Mit freundlichen Grüßen
Sabine Epple, M.A.
Kuratorin Moderne
GRASSI Museum für Angewandte Kunst
27.11.2012

Link: DEVK: Altersdiskriminierung bei Kölner Lichtern
Quelle: diverse

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