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VdK-Zeitung: Demenzjournalismus hilft Meinung vermeiden

Ulm, 2014 FOTO. H.S.

11.08.2015 - von Professor Albrecht Goeschel

Wenn ein Printmedium sich „Zeitung“ nennt und haptisch und optisch eine Tageszeitung nachahmt, dann erwartet das ungewarnte Publikum Aktualität und Brisanz und Themen, zu denen es sich eine Meinung bilden kann. Bei der „VdK-Zeitung“ mit ihrer 1,7 Millionen Auflage in der Gruppe der 20 größten Zeitungen in Deutschland ist das anders, ganz anders.

Die VdK-Zeitung, wiewohl als Tageszeitung kostümiert, erscheint nicht täglich, sondern monatlich. Nun gut, könnte ja sein, dass die gebrachten Informationen und Kommentare von gestern auch heute, morgen und übermorgen noch faszinieren. Das ist bei Headlines wie „Armut hat viele Gesichter“ (Originalzitat) allerdings nur dann der Fall, wenn sich die vorwiegend älteren Leserinnen und Leser schon auf den Weg in die Demenz gemacht haben – dann ist bekanntlich heute wie gestern und gestern wie morgen. Wie halt im täglichen Leben im Wiederholungskapitalismus auch.

Leserinnen und Leser, die noch nicht ganz so weit sind, werden sanft aber bestimmt auf diesen Weg geleitet. Dabei hilft das fast archaische Bild-Konzept der „Redaktion“ der VdK-Zeitung: Immer das gleiche Foto von „Präsidentin“ Ulrike Mascher und das in hohen Dosen. Eine Art VdK-Maoismus. Wenn das noch nicht hilft, bringt es die Gruppenfoto - Ikonographie: Ortsgruppe, Kreisgruppe, Bezirksgruppe, Landesverbändegruppe, Bundesverbandsgruppe, Präsidentin-Politiker(innen)gruppe: Austauschbarkeit als Einmaligkeit.

Sofern es die vom Sozialverband VdK Deutschland als Politikattrappe ordentlich ausgesaugte „Armut“ irgendwo in Deutschland in besonderer Häufung und Heftigkeit gibt, dann ganz bestimmt in den Textbeiträgen der VdK-Zeitung: Hier grassiert die „Inhaltsarmut“. Dies gilt aber nur für Leserinnen und Leser, die noch nicht dem Opium des „Vergessens“ erlegen sind. Für die Mehrzahl wird der Weg in die politische Demenz durch das Text-Konzept der „VdK-Zeitung“ bereitet, das lautet: Alltagsbanalität als Erkenntnisevent. Ein Beispiel: „Frauen haben öfter kalte Füße“ (Originalzitat).

Ja, warum diese ob ihres „Bäckerblumejournalismus“ immer wieder verhöhnte VdK-Zeitung überhaupt Beachtung verdient – diese Frage stellt sich. Es gibt mehrere Antworten: Zunächst ist da die schiere Massenauflage und die Reichweite in eine wichtige Teilgruppe der „Sozialen Mitte“ hinein. Vor allem ist es aber die Eigenschaft der VdK-Zeitung als eine Art „medialer Fingerabdruck“ der Berliner GroKo mit ihrem bauchredenden Unheil im Kanzler(innen)amt: Die gleiche Methode, das gleiche Resultat – nicht einmal Verbiegung, sondern vor allem Vermeidung von Meinung.

Es waren zuletzt die Montags-Mahnwachen und die Pegida-Demonstrationen (zunächst!), die stets unmittelbar nach ihrer Hauptkritik an der Kriegstreiberei bzw. der Bevölkerungsfeindlichkeit des Politischen Systems dessen angeschlossenes Medienkartell kritisiert haben. Der Begriff „Lügenpresse“ wird nicht mehr aus dem politischen Wortschatz verschwinden.

Zuvor haben jahrelang schon kritische Autoren wie Albrecht Müller und kritische Newsletter wie die „NachDenkSeiten“ das Zusammenspiel von politischem System und kapitalistischen Medienkonzernen seziert und kritisiert. Mittlerweile existiert unterhalb und außerhalb des Medienkartells eine neue Medienwelt, gebildet aus einer Vielzahl kleiner Newsletters und Blogs, die dem Kartell zunehmend die Grundlage nehmen.

Auch im Jahr 2015 gibt es wieder erfreuliche Auflagen- und Reichweitenabstürze bei den Pöbel-Blättern, bei den Boulevard-Zeitungen und bei den (angeblichen) Qualitäts-Journalen, aber auch bei den Wochenmagazinen – auch als Antwort auf ihre enthemmte Hetze in Sachen Griechenland, Ukraine und Flüchtlinge. Und endlich hat es nun auch, dank ihrer tendenziösen Information und demagogischen Kommentierung zur Ukraine-Krise, die Gebührenkonzerne ARD und ZDF mit ihren denunziatorischen Talk-Show-Megären und dreisten Talk-Show-Föhnbuben erwischt.

Das politische System braucht derzeit weniger „Krawalljournalismus“ (Albrecht von Lucke), sondern Verharmlosung statt Verhetzung, Einschläferung statt Aufstachelung. Es geht darum, die Beute aus der Kolonisierung des EU-Südens nach Haus zu schleppen und die auftraggemäße Zerstörung der EU bei Stärkung der NATO in einem Geheimvertrag mit dem Friedenshort USA zu besiegeln. Unbeobachtet wohlgemerkt.

Hier kommt eine „Zeitung“ gerade recht, deren „Redaktion“ die VdK-Insassen wie in einem Pflegeheim sediert – wahlweise „Dschungelcamp“. Wie Pegida und ebenso Stuttgart 21 gezeigt haben, können nämlich die älteren Menschen aus der „sozialen Mitte“ durchaus renitent werden.

Das mittlerweile die VdK-Zeitung im Kartell der „Leitmedien“ als Mittäterin durchaus anerkannt ist, zeigt ein Vorgang, der vor ein paar Jahren von den Münchner Boulevard- und Qualitätszeitungen noch mit Hohn und Spott beworfen worden wäre: Der „Herausgeber“ der VdK-Bäckerblume, ein Michel Pausder, ist in den Vorstand des bislang jedenfalls renommierten „Münchner Presseclub“ aufgenommen worden. „Vergessen wir was war“, Wahlkampfslogan der Liste Alzheimer Regensburg, zwei Mandate bei den Kommunalwahlen 1996.


Prof. Albrecht Goeschel
Gast-Professor Staatliche Universität Rostov
Präsidiumsmitglied
Accademia ed Istituto per la Ricerca Sociale Verona
mail@prof-goeschel.com

Alle Rechte beim Verfasser

Link: VdK-Dschungelcamp: Wie ein „Sozialverband“ seine Mitglieder behindert

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