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Seniorenbüros: Tagung kostet 130,00 Euro

19.11.2009 - von Hanne Schweitzer

"Freiwilliges Engagement älterer Menschen in Stadt und Land", unter diesem heiteren, nach allen Seiten weit offenen Motto steht die Fachtagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V. Sie findet vom 23. bis zum 24. November in Dortmund statt. Wer kein Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft ist, muss 130 Euro Tagungseintritt bezahlen, wer Mitglied ist, immerhin noch 100 Euro.
Der Teilnehmerkreis wird folglich bestehen aus denen, die tätig sind in einer jener Organisationen aus dem wundersam sprießenden Märchenwald mehr oder weniger bedeutsamer sozialer Träger/Einrichtungen/Netzwerke oder Vereine*, die zumindest den zentralen Gestalten eine hoch anerkannte Existenzgrundlage bieten, die von den Steuerzahlern finanziert werden, die zur ehrenamtlichen Arbeit "angeleitet" werden sollen. Zu diesem illustren Kreis werden sich einige Personen aus besser begüterten Privathaushalten hinzugesellen. Besser ist deshalb wichtig, weil zur Tagungsgebühr ja noch Kosten für Essen, Trinken und - die Tagung ist zweitägig - auch noch für`s Hotel kommen. Ehrenamt und die Teilnahme an Ehrenamtskongressen kann sich nicht jede/r leisten.

Kritik am Ehrenamt wird im Kongress-Programm nicht thematisiert. Das Ehrenamt wird beleuchtet, untersucht, optimiert, ausgebaut, verwissenschaftlicht und gepuscht. Halt, zurück: Verwissenschaftlich ist es längst. An der Humboldt Universität zu Berlin gibt es z.Bsp. ein eigenes Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement. Leiter ist Professor Dr. Dr. Sebastian Braun. Als Ehrenamtsforscher weiß er: Je zügiger die Kommunen ihre Leistungen der kommunalen Daseinsvorsorge streichen, je zahlreicher werden Ehrenamtliche benötigt, um die Arbeit unbezahlt zu machen, mit der bisher bezahlte MitarbeiterInnen der Kommunen ihren Lebensunterhalt verdient haben.

Unisono wird aus der Dortmunder Westfalenhalle also das Lob des Ehrenamts schallen. Verpuffen wird auch die vom Bundesverband der AWO geäußerte Kritik am Ehrenamt als Retter aus der Not des jahrzehntelangen Pflegenotstands: Im Koalitionsvertrag, so AWO-Chef Rainer Brückers, gebe es "keinerlei Antworten auf eines der dringendsten Probleme in der Pflege". Statt Arbeitsbedingungen und Bezahlung zu verbessern, wolle die Koalition vor allem die familiäre Pflege und - das bürgerschaftliche Engagement ausbauen.

Der Kongress in Dortmund will folgenden Fragen nachgehen: Wie sehen die Strukturen des freiwilligen Engagements in ausgewählten Regionen aus? Gibt es regionaltypisches Engagement? Was sind die Ursachen dafür? Welche Strategien zur Förderung des freiwilligen Engagements der älteren Menschen gibt es im regionalen Kontext? Die Workshops werden sich mit folgenden Themen beschäftigen: Ältere Migranten am Leben im Wohnquartier aktiv beteiligen, Engagement durch Bildung – Bildung durch Engagement, Freiwilliges Engagement Älterer – Stadt – Land – Aspekte, Partizipation – Vernetzung – Mobilisierung und Freiwillige gewinnen – Potenziale geschickt und strukturiert erschließen.

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"In Remscheid hat sich z.B. jüngst ein Institut für Bildung und Kultur gegründet. Nach der Formulierung: "Remscheiderinnen und Remscheider werden zusammen mit den lokalen Kultur-, Bildungs- und Sozialeinrichtungen stadtweit Aktionen, Workshops,Aufführungen, Ausstellungen und Lesungen konzipieren und durchführen," scheint es auch hier um Beschäftigung älterer Menschen zu gehen. So um eine Art von Ruhigstellung ohne Psychopharmaka. Es sollen ausschließlich Anregungen vermittelt und organisatorische Rahmen zur Verfügung gestellt werden, selber jedoch keine aktiven Beiträge geleistet werden.
Nein, ich will das jetzt nicht schlecht reden, sondern durchaus anerkennen, dass eigentlich jede Form von Zuwendung für ältere Menschen zu begrüßen ist.
Was mir allerdings in der Beschreibung der Organisation fehlt, ist so etwas wie ein Paradigmenwechsel. Nicht Kaffeegeschirr, Spitzendeckchen, Kunstblumen und Smalltalk über Wehwehchen, sondern Zugriff auf wirkliche Probleme des Alters. Die Aufforderung, sich nicht tonlos im Keller zu verkriechen, ist gut und richtig. Das gilt aber nicht nur für Menschen der älteren Generation, sondern auch für 53% Nichtwähler, für Propheten politischer Korrektheit, für die üblichen Verdächtigen, die von allem nichts gewußt haben, aber nachher alles besser wissen, oder diejenigen die von Integration reden aber tatenlos zuschauen oder diejenigen die beim Klimaschutz nur auf andere warten.

Nun werden Sie vielleicht denken: große Worte und nichts dahinter. Ich bin seit zehn Jahren im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Agenda 21 NRW, leite federführend die IG Remscheider Senioren, bin Sprecher im Bürgerkreis RS-Stachelhausen, gewähltes Mitglied im Senioren Beirat der Stadt Remscheid und Mitglied im Umweltausschuß. Im Januar werde ich 78. Das mit meinem Alter erwähne ich um klarzustellen, dass in diesem finalen Lebensabschnitt kein Bedarf für angeben und selbstdarstellen besteht." K. Kowakowski

Link: http://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=3192
Quelle: PM Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros e.V.