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Hochkaräter versus Best Ager

07.03.2008 - von Hanne Schweitzer

"Das Geld wachsen lassen", lautet eine der lustigen Überschriften in einem Beilagenblättchen des Kölner Stadt-Anzeigers. Es erschien am 4.3.2008 "in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Köln/Bonn" und wendet sich natürlich auch an die sogenannten Best Ager. Überschrift: "Die Generation 50plus hat den Ruhestand im Visier". Foto dazu: Ein weißhaariger Mann mit Stirnglatze und weißhaarigem Schnurrbart SITZT in einem Sessel, während eine blonde Frau in weißer Bluse hinter dem Sessel mit Mann STEHT und ihre Arme über seinen Brustkorb gelegt hat. Text: "Sie stehen mitten im Leben, sind berufstätig und haben noch ein paar Jahre bis zum Ruhestand. Wenn der Ruhestand naht, können Männer und Frauen ab 50 noch ihre Versorgungslücke schließen." Es folgt eine umwerfende Rechnung: Demnach ist ein Kapital von 100.000 € bei einer Verzinsung von 3 Prozent nach 15 Jahren aufgebraucht. Verzinsung von drei Prozent bei 100.000 €? Drei Prozent? Wo es schon für 5.000 € bei jeder Postbank mehr als 4% gibt? Doch darum geht`s im Moment nicht, sondern:
Während die Sparkasse Köln/Bonn unverdrossen propagiert, die Generation 50plus habe den Ruhestand im Visier, wirbt "Erfahrung Deutschland", das größte Online Portal für Fach- und Führungskräfte mit dem Satz: "Hochkaräter im Ruhestand bringen Bewegung in Ihre Projekte" . Hochkaräter! Bewegung! Donnerlittchen, das ist etwas anderes als den Ruhestand im Visier zu haben. Wie sich doch die Zeiten ändern. Wurde der goldene Abfindungs-Handschlag oder der Raus-Tritt in den Allerwertesten peinlich berührt und äußerst distanziert vom Personalbüro abgewickelt, weil es am Ende vielleicht noch ansteckend war, über 50 zu sein, so scheint scheint sich das nun ins Gegenteil zu verkehren.
Die Klagen über den Fachkräftemangel werden lauter. Der Ostmarkt ist leergefischt, Inder gehen lieber in die USA oder nach Australien, Weiterbildung in den Betrieben findet kaum statt: etlichen Unternehmen fehlten bereits geeignete, qualifizierte MitarbeiterInnen. Am 1. März schaltete "Erfahrung-Deutschland" deshalb eine ganzseitige Anzeige in der FAZ. Foto: Ein grauhaariger Mann mit randloser Brille, augeprägter Nasolabialfalte und mißmutig nach unten gezogenen Mundwinkeln. Er trägt eine dunkle Krawatte und ein weißes Hemd, und er SITZT auf einem schwarzen Ledersofa. Er schaut auf den Bildschirm eines aufgeklappten weißen Schlepptops auf seinen Knien. Neben ihm SITZT im Bildhintergrund ein deutlich jüngerer Mann mit schwarzen Haaren, dunklem Hemd und dunkler Krawatte. Er schaut ebenfalls auf den Lap, berührt ihn aber nicht. Links von diesem Foto ist das bis zur Unkenntlichkeit verwischte freigestellte Profil einer Frau montiert. Sie trägt etwas beiges, ansonsten ist sie konturlos, gesichtlos, bedeutungslos.
Der Text unter der Headline beginnt so: "Sie gehörten zu den Besten. In führenden Unternehmen machten Sie Karriere als Ingenieure, Finanz-Controller, Logistik-Experten,Qualitätsmanager, F&E-Spezialisten. Sie leiteten IT-Teams, Marketing- und Einkaufsabteilungen, führten Verkaufsmannschaften zum Erfolg, errichteten Produktionsstätten rund um den Globus. Heute sind Sie im aktiven Ruhestand: raus aus der Pflicht, rein in die Kür. In Projekte, die sie reizen wie in ihren besten Zeiten."

Vergleicht man die Texte und Fotos kann man ins Grübeln kommen. Hat sich denn wirklich nichts geändert? Die "Hochkaräter", werden als sitzende Männer dargestellt, und wer den "Ruhestand im Visier" hat, sitzt ebenfalls. Frauen haben zu stehen. Und wenn es um Hochkaräter geht, wird ihnen nicht einmal ein erkennbares Gesicht zugestanden.

Fazit: Der männliche 50 plusser leckt sich die durch den vorzeitigen Rausschmiss geschlagenen Wunden, rappelt sich nach einer angemessenen Zeit auf, hinterlegt sein Profil unter www.erfahrung-deutschland.de. und mausert sich dadurch vom unnützen Opa zum Experten, ja zum Hochkaräter. Die weibliche 50 plusserin legt schützend ihre Arme um den Ruheständler kurz vor der Mutation zum Hochkaräter, oder sie huscht mal kurz an den Hochkarätern vorbei - warscheinlich in die Kaffeeküche.

Hochkaräterinnen: Fehlanzeige. Indirekte Diskriminierung wegen des Geschlechts und wegen des Alters: Volltreffer. Alte Männer, wenn das Kapital sie braucht, gelten als Experten, alte Frauen sind einfach nur peinlich. Und derweil wächst das Geld.

Link: http://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=2313
Quelle: FAZ, 1.3.08; Kölner Stadt-Anzeiger, 4.3.2008