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Alles Schule oder was? Alles neu oder alles beim Alten?

13.11.2015 - von Hartmut Jeromin

Zunächst möchte ich mich umsehen im Saale: Wer ist noch da, der schon immer da war? Natürlich Ute M., Marion B., Ulrike F., Gerd R. S., Gerd A., entweder klebt die GEW also an uns oder wir an der GEW! Und ich sehe auch schon Leute hier, die die GEW in andere, neue Zeiten führen werden. – Denn die Zeiten haben sich geändert, es gab die Zeit vor 89, die Zeit gleich danach, dann eine ganze Weile Nichts oder wenigstens nichts Besonderes und nun diese Zeitenwende mit den erschreckenden Bilder von der Wanderschaft sehr vieler Menschen …sie bleiben nicht, weit dahinten in der Türkei, wo die Mächte aufeinander schlagen, nein, sie kommen hierher zu uns und werden alles wieder verändern …denn, so harmlos sind sie nicht! Ihre Kinder wollen z. B. in die Schule gehen, in unsere und wir können das gar nicht, Einwanderer beschulen. Wer spricht schon Arabisch! Außer dem Salamaleikum? So ab 1945 hatten wir das zwar schon einmal, aber ohne diese Sprachhürde, jedenfalls ist mir damals so etwas nicht aufgefallen, denn ich war dabei. -

Deshalb, auch aber vor allem, um unser Jubiläum zu begehen, kam nun das kompetenteste Gremium in Sachsen zum Thema Schulpolitik am 11.11.15 in Bautzen zusammen. Motto: „Alles neu oder alles beim Alten?“. Die GEW/ Bezirksverband Dresden hatte geladen und der Saal war gefüllt mit Pädagogen aller Altersstufen. Jede Menge Sachkunde war also vorhanden. Dazu die sächsische Bildungsministerin, pardon, die Kultusministerin! Wohl auch sachkundig. Brav und bissig sekundiert von Patrick Schreiber, der für die CDU Bildungspolitik macht. Dazu Uschi Kruse, sowieso vom Fach! Als Betroffene gar eine „Lehramtsstudierende“, Tina Bauer aus Chemnitz, die sich auch gleich einen Rat von Frau Minister einfing betreffs einer ihr angebotenen Zusatzausbildung in DaF („das ist doch eine Chance für sie, nutzen sie die!“) sowie ein angehender Referendar, Burkhard Naumann, der auch noch singen konnte.

Und ja, es ging um ein neues sächsisches Bildungsgesetz! D.h. dem neuen kommenden, gesehen hatte es noch keiner, auch nicht gelesen, aber es sollte schon immer darüber diskutiert werden. Die Frau Ministerin aber ließ sich kein Wort darüber entlocken, sie wolle dem „Referentenentwurf“ nicht vorgreifen. Damit sie dann auf entsprechende Aussagen dazu nicht festgenagelt werden kann. Clever. Irgendwie so richtig breitenwirksam!? Frau Minister machte aber den Eindruck, dass sie sich in ihrer Rolle recht gut gefällt, d.h., dass sie Freude an der Macht hat. Sie versuchte nun stattdessen den Zuhörern zu entlocken, wie man sich im Saal eine gute Schule vorstellt.- Da gibt es die in der GEW seit einem Gewerkschaftstag in Schellerhau 2004 beschlossene schulpolitische Position -. Könnte eine Ministerin, die es ernst meint mit Schule, eigentlich kennen!

Also, der Saal zeigte sich verstockt, es wurde nicht debattiert, schade, eine verpasste Gelegenheit! Also weissagte sie, klug, ja beschlagen wie sie ist, uns eine längere „Durststrecke“ vorher! Da müssten wir nun durch, wohl gemeinsam mit ihr. Da half der Uschi nichts, nicht ihre bohrenden Fragen nach Klassenstärken, Arbeitsbedingungen, Inklusion und Besoldung! Aber Durststrecken sind ähnlich wie Elbe-Niedrig-Wasser im Sommer, da fahren die Schiffe nicht. Aber Hoffnung, natürlich, gibt es, wenn ein Wettergott zur Einsicht kommen sollte …

Mir ging aber die Sache mit dem neuen Schulgesetz nicht mehr aus dem Kopf: Das allgemeinste sächsische Bildungsideal sollte doch formulierbar sein? Immer und überall. Und diskutierbar! Unabhängig von Durststrecke und Diplomatie? Begabungsgerecht gegliedert, ist das wirklich das Ideal für Sachsen. Oder Chancengleichheit? Mit welcher Maßeinheit könnte da gemessen werden? Oder Vorbereitung auf das Leben, obwohl man ja lebt? Oder gar „allgemeingebildet“, was immer das allgemein so ist?
Ich schrieb ja vor Zeiten in der "Spätlese", wie ich 1961 an die ABF-in Potsdam kam und mutmaßte über das Bildungsideal meiner Lehrer da in der Hegelalle 30, heute Einsteingymnasium, ehemals wohl auch Prinzengymnasium! Die Frau Kerstan, der Herr Dribbisch, der Herr Mann, der Herr Schubert, der Herr Schneeweis, Herr Glöckner und Herr Wetuschat u.a., sie mussten da eins haben, sonst wäre aus mir und anderen nichts geworden! Nichts aus dem Waldarbeiter Siegfried K., nichts aus dem Landmaschinenschlosser Rainer W., nichts aus dem Bauern Gerhard B., nichts aus dem Bergmann Werner B., nichts aus dem Gärtner Ullrich Sch., nichts aus Magda, Ute, Annelies …aus mir auch nichts, weil unterster Herkunft: Vater Arbeiter, Familie kinderreich, ich nichts Rechtes auf dem Leib, auch nicht im Leib, und mit 8-klassiger Nachkriegsschulbildung …da half wohl nur ein Bildungsideal oder mehrere!

Wir hätten vielleicht mit der Frau Kurth über diesen Humanismus reden sollen. Oder über unser Weltbild und Weltverständnis. Und was Demokratie mit Humanismus der Tat zu tun hat: Damit die Lernenden befähigt werden, ihre Anlagen und Fähigkeiten freizusetzen um mündige Bürger werden zu können, die sich zur Wehr setzen, wenn sie entmündigt werden sollen, wenn sie manipuliert werden sollen, wenn ihre Kultur zerstört werden soll, wenn sie in Kriege getrieben werden sollen, wenn ihnen die Lebensgrundlagen streitig gemacht werden, wenn ihnen die Natur zernutzt wird, wenn sie wieder von Rassismus und Faschismus bedroht werden, wenn Frauen oder Männer erniedrigt werden sollen mit „Minijobs“, Mindestlohn oder Hartz 4, wenn sie mit Hilfe von Massenmedien verdummt werden sollen, wenn ihre politischen Rechte beschnitten werden sollen.

Hätte man mit der Frau diskutieren können, da hätten sich auch Ansätze für die neuen Bildungsideale und –Inhalte ergeben. Da wäre auch Platz für Inklusion, Ganztagsschule oder längeres gemeinsames Lernen gewesen! Das wären die Erfordernisse unserer Zeit und die der Zukunft! Darin eingeschlossen: Schutz der Kinder gegen Angst (als eine Bedingung der Entstehung geschlossener Glaubenssysteme). Ich schrieb euch von der elenden Kindheit in Irland. Und deshalb: Keine Bedrohung der Persönlichkeit, weder als Kindheitserfahrung oder als erlebte Situation, z.B. bei der Verteilung (Selektion) auf verschiedene Schulformen. Davon sind Heranwachsende auch heute noch in Teilen der Welt sehr weit entfernt. Denn was treibt die Menschen zur Zeit aus ihren Heimatländern weg bis hin zu uns hier? Und bitte keine emotionale Investition in Glaubenssysteme, denn dadurch entstehen emotional verwurzelte Abwehrhaltungen gegen scheinbare Bedrohungen durch das Neue und diese machen immun gegen kritische Argumente, gegen neue Erfahrungen, gegen neue Informationen! Dann bekommen Überzeugungen Abwehrfunktion statt Orientierungsfunktion (s. Rotterdamer Erklärung von 1974)! Und das spielt sich gerade auf den Straßen bei Pegida und anderen ab: Es sollen gläubige Mitläufer und am Ende gar Wähler rekrutiert werden! Für sog. „Weltbilder“. Und dabei sprechen doch die realen Weltbilder / Bilder aus der Welt eine ganz andere Sprache! Und erst, wenn die Ideale „höherer Ordnung“ formuliert und realisiert sind, kann man sich den davon abhängigen Inhalten der Bildung zuwenden. Das ist die Aufgabe der Lehrplangestalter! Und erst danach geht es um Struktur, Klassenstärken, Anzahl der Lehrer und Stunden, die sie halten müssen und um Lohn und Gehalt!

Hat also die Frau Minister die Gretchenfrage gestellt? Oder die Junge GEW? Oder die Alte GEW? Das war wohl nicht vorgesehen oder vergessen worden! Aber diesem Jubiläum wäre das sicher angemessen gewesen! Nein! So harmlos sind sie nicht! Die Ministerin hat ihr Gesicht gewahrt in der „Höhle des Löwen“. indem sie (noch) nichts verriet vom neuen Schulgesetz und z.B. Fragen der Studierenden an das andere Resort, das der Frau Ministerin Stange verwies. Listig! Sie versuchte etwas mit uns zu spielen, aber da war natürlich Uschi Kruse, unsere neue Vorsitzende jeweils davor, anfangs noch etwas gehemmt aber dann doch zunehmend in ihrem Element!

Als der Weisheit letzter Schluß erschienen sie mir beide nicht, aber es fehlte in der Ablaufplanung eben das freie Element der Basisdiskussion. Da wäre es ein runder Tisch geworden und nicht nur eine Podiumsdiskussion. Wer hatte da im Vorfeld nur Angst vor der Stimme des Volkes? Diplomatische Rücksichtnahme? Es wäre dem Anlass der Zusammenkunft sehr angemessen gewesen, denn es ging um 25 Jahre GEW in Sachsen! Und da wurden die Rollenträger mit Unfehlbarkeitsanspruch schon immer ausgepfiffen von Volkes Stimme, wie an der Dreikönigskirche Kurt Biedenkopf.

Also nun doch: 25 Jahre GEW, manchem sein Ganzes, so auch in Dresden. Im Saale sind noch jede Menge Persönlichkeiten aus der Sturm- und Drangzeit, wie ich eingangs versuchte festzustellen. Sie haben eigentlich immer gesagt, was gesagt werden musste und getan, was getan werden musste und dafür auch jede Menge „Prügel“ bezogen von den unabhängigen Medien. Besonders immer, wenn die Vorschulerzieherinnen streikten. Und auch das Teile und Herrsche klappte gut in Sachsen, schon bedingt durch unterschiedliche Schulformen und den daran sich orientierenden Fachverbünden, als wenn Fächer und Schulformen was mit Bildungsidealen zu tun hätten! Aber viel mit dem Wollen und Können der Fachleute von unten und die sind nun mal in der GEW zu finden!

Ich habe mit der Zeit nun noch verschiedene pädagogische Wirkungsfelder kennen gelernt, zuletzt gar Privatschulen mit Verlust- und Gewinnrechnung vor versammeltem Kollegium. Auch Sprachunterricht für Asylbewerber wurde so gewichtet! Auch für diese Schulen gilt: Nein, so harmlos sind sie nicht! Und auch deshalb gibt es Gründe, auch in der Zukunft eine schlagkräftige Gewerkschaft zu haben, denn von selber tut sich nichts. Wir bekommen auch nichts geschenkt. Und da ist es ein Glück, dass es nun die Junge GEW gibt, sie hat sich schon sehr bemerkbar gemacht und wird wohl dann unsere Arbeit fortsetzen und es natürlich besser machen, denkt Hartmut Jeromin, im November 2015. Eine lustige Jubiläumsrede aber ist es nun nicht geworden, das möge Gerd Apelt verzeihen!

Link: Über das Alter in Preussen
Quelle: Hartmut Jeromin