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Demente Menschen, die allein leben + keine Hilfe wollen: Wer hilft?

Unkel, 2015 Foto: H.S.

02.12.2014 - von Gerd Feller

Als Anfang des Jahres die Geschäftsstelle der Seniorenvertretung wegen der Erkrankung der dort zuständigen Mitarbeiterin nicht zu den üblichen Zeiten erreichbar war, habe ich mich als Pressesprecher bereit erklärt, über meine private Telefonnummer den Kontakt der SV zur Außenwelt aufrechtzuerhalten.

„Leichtsinnig“, wird mancher denken, und ich muss ihm jetzt Recht geben. Nicht die Zahl der Anrufe war ein Problem; sie kamen meist ordnungsgemäß zu den offiziellen Bürozeiten und hielten sich in erträglichen Grenzen. Es
waren Ausnahmen, besonders eine, die mich längere Zeit beschäftigt und beunruhigt haben.

Spät abends im Juli dieses Jahres
rief eine ältere Dame an, die nach der Seniorenvertretung fragte und mir dann ihr Herz ausschüttete. Sie ist über 90 Jahre alt und beschwerte sich über einen
Arzt, der sie angeblich falsch beurteilte, über einen Rechtsanwalt, der ihr Konto habe sperren lassen, über unzuverlässige Betreuer und nervige Ämter und über die Polizei, die eine Pistole ihres Mannes widerrechtlich konfisziert habe.

Sie klagte darüber, grenzenloser Ungerechtigkeit ausgesetzt zu sein, freute sich aber auch über meine Bereitschaft, ihr mal zuzuhören. Was mir schon auffiel, das waren teils absurde Behauptungen und häufig stereotype Angriffe auf die Obrigkeit. So wurde denn auch mein Ratschlag, sich mit dem im Stadtteil zuständigen Sozialdienst in Verbindung zu setzen, um sich helfen zu lassen, empört zurückgewiesen, weil sich dieser Schritt in der Vergangenheit stets als erfolglos herausgestellt habe.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass alte Menschen manchmal ziemlich schwierig sein können, aber schon im Laufe dieses Gesprächs, wurde mir klar, dass an der von ihr bezweifelten Diagnose des Arztes, sie sei dement, durchaus etwas dran sein könnte, obgleich sie sich insgesamt noch recht rüstig anhörte, Immerhin, den einzigen Rat, den ich ihr in dieser Situation geben konnte, bin ich los geworden. Am Schluss des Gesprächs nannte sie mir ihren Namen, mehr war nicht herauszuholen.

„Das war´s dann!“, dachte ich.

Weit gefehlt!
In den folgenden Wochen wiederholten sich die Anrufe zu allen Tageszeiten. Die alte Dame tat mir leid, und ich fühlte mich veranlasst, doch selbst etwas zu unternehmen, zum einen wegen der sich inhaltlich wiederholenden, nicht weiterführenden Telefongespräche, zum anderen um die Faktenlage zu erkunden und Hilfe für diesen anscheinend dementen und sich selbst überlassenen Menschen zu suchen.

Also schickte ich eine E-mail an den Sozialen Dienst (SD)
des Stadtteils, der auch sofort reagierte und mir im Rahmen der gesetzlichen Zulässigkeiten die für Außenstehende kaum zu begreifende Lage erklärte.

Fazit 1:
Die alte Frau ist alleinstehend, lebt überwiegend in ihrer Vergangenheit, braucht Hilfe, lehnt aber vehement jegliche Hilfe ab. (Es existierte zu dieser Zeit ein rechtlicher Betreuer, der muss sich an die Spielregeln halten. Er kann z.B. nicht so ohne weiteres seinem Mündel verbieten, mich anzurufen.

Trotzdem hatte ich zwei Monate Ruhe und wiegte mich in der Sicherheit, dass sich jemand um die alte Dame kümmerte.

Weit gefehlt!
Seit Ende Oktober klingelt es wieder, nicht jeden Tag, aber oft zu ungelegener Zeit, z.B. nachts, um Mitternacht oder morgens gegen 5:00 Uhr. Ich nahm erneut Kontakt mit dem SD auf.

Fazit 2:
Das Amtsgericht hatte inzwischen die rechtliche Betreuung der alten Dame aufgehoben. Eine für mich erstaunliche Entscheidung, über die mich der Soziale Dienst aus rechtlichen Gründen nicht weiter aufklären konnte.

Warum ich die Geschichte erzähle?
Weil Ehrenamtliche, die in der Altenhilfe tätig sind, jederzeit durch ihre Hilfsbereitschaft in eine ähnliche Situation geraten können, die nervig, im Dschungel von Bürokratie und Gesetz unübersichtlich und manchmal für Laien nur schwer zu lösen ist.

Außerdem stellen sich Fragen, wenn man dem Schicksal seiner Mitmenschen gegenüber nicht völlig gleichgültig bleiben will.
- Wie ist das möglich, dass der alten, alleinstehenden Dame bei ihren Schwierigkeiten jetzt vom Amtsgericht kein/e Betreuer/-in mehr zugewiesen wird?
- Wie sieht es mit ihrer Fähigkeit zur Selbstversorgung aus? Kann sie ohne rechtlich verankerte kontinuierliche Hilfe leben, schalten und walten?
- Ist der SD wegen des Gerichtsbeschlusses nicht mehr für diese Bremerin zuständig?
- Hat die Frau inzwischen durch Angehörige oder Nachbarn Hilfe oder wird sie sich selbst überlassen?
- Wie ist sichergestellt, dass ein solcher Mensch in dieser Lage ohne Betreuung nicht total verwahrlost?

Fazit 3:
Um das für mich zu klären, habe ich das Amt für Soziale Dienste aufgesucht und mir dort Rat geholt, den ich weitergeben möchte.

1. Bei der Herausgabe der persönlichen Telefonnummer sollte man grundsätzlich sehr zurückhaltend sein. In Bedarfsfällen ist es sicherer, nur eine Handynummer zu nennen. Ein Handy lässt sich nachts abstellen.

2. Erhält man Anrufe, die nicht weiterführen, aber Zweifel und Sorge auslösen, sollte man den zuständigen Sozialen Dienst benachrichtigen. Außerhalb der Dienstzeiten des Sozialen Dienstes kann der sozialpsychiatrische Dienst angerufen werden:

Kriseninterventionsdienst (KID) für
Notfälle, Telefon in Bremen: 0421-790 333 33 .

3. Sollte doch durch Versehen/Unachtsamkeit nerviges Stalking einsetzen und sich nicht friedlich einstellen lassen, führt der Weg zur Polizei am ehesten zum Ziel und wohl dann auch zu einer Überprüfung der aktuellen Lebenssituation des Anrufers.

Der Soziale Dienst vor Ort bleibt die vorrangigste Institution für
die Hilfe in solchen schwierigen Fällen. Allerdings vermute ich, dass auch hier wie in anderen Bereichen die "Personallage angespannt" ist.

Wenn das so ist, sollten Politik und zuständige Stellen daran denken, den SD besser auszustatten, auch die Zahl der Sozialarbeiter/Streetworker zu erhöhen und möglichst bald die „Aufsuchende Altenarbeit“ auf alle Stadtteile zu erweitern und zu unterstützen. Großes Klagen, wenn vereinsamte, verwahrloste oder gar verstorbene Menschen erst spät gefunden werden, hilft nicht.

Wie wäre es, wenn unsere wohlhabende Gesellschaft mehr Geld bereitstellte für rechtzeitige Aufmerksamkeit und Hilfe bei sozial schwachen und vernachlässigten Menschen? Ich denke, das wäre sinnvoller und humaner als z.B. die vielen aufwendigen Preisverleihungen, Stadtfeste, Promi- Events oder Gedenktagsfeiern, von denen die Medien ständig berichten.

Übrigens erfuhr ich durch das Amt für Soziale Dienste, dass auch die Bereitschaft von Bürgerinnen/Bürgern zu ehrenamtlicher Mitarbeit als rechtliche Betreuer für unterstützungsbedürftige Menschen eine große Hilfe sei. Interessierte Leser/-innen können dazu unter folgender Adresse Informationen abrufen:

Amt für Soziale Dienste, Betreuungsbehörde,
Rembertiring 39, 28203 Bremen,
Tel.: 0421-361 195 30
E-mail: Betreuungsbehoerde@afsd.bremen.de

Quelle: Durchblick 179 Zeitung der LSV Bremen