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Bremen: Unwürdiges Leben im Alter

07.01.2012 - von Martin Korol

Frau S. ging es zum Schluss ihres Lebens gar nicht gut. Sie starb vor drei Jahren in, wie man früher sagte, elenden Verhältnissen. Unverheiratet und kinderlos ging sie mit 63 in Rente. Das war vor 10 Jahren. Nach 43 Arbeitsjahren
bekam sie als Arzthelferin eine Rente in Höhe von 1.254 Euro. Sie hatte zur Miete gewohnt, die Wohnung aus den 1960er Jahren war schön. Ich kenne die Wohnung, unsere Familie wohnte 1966-1976 nebenan.

Als sie ihr zu teuer wurde, kündigte sie und mietete ein Zimmer in einem Heim, wo sie 449 Euro für das Zimmer, 268 Euro für Essen und 448 Euro für „Vollservice“ bezahlte. Ich habe Frau S. einmal besucht. Das war kurz bevor sie starb.

Das „Heim“ bestand aus rund 30 Zimmern in drei nebeneinander liegenden Häusern, eingerahmt von geschlossenen Geschäften und Wohnhäusern mit vielen Wohnungen ohne Gardinen.

Die einzelnen Häuser waren behördlich als „Wohngemeinschaft“ gemeldet. Das war Absicht. So kam da keine Heimaufsicht. Das Zimmer der Frau S. mag 25 qm groß gewesen sein, Küche, Bad, kein Balkon. Sie lag, als ich sie besuchte, auf der Couch, ein Bett hatte sie nicht. Der Fußboden war bedeckt mit Unrat. In der Küche war es unvorstellbar schmutzig.Essensreste von Wochen lagen herum, zum Teil verschimmelt. Ich hatte sie überraschen wollen und mich nicht angemeldet.

Sie erkannte mich und stammelte irgend welche Sätze zur Entschuldigung. Ich war entsetzt und ging nach unten zur „Rezeption“. Drei junge Männer saßen da, rauchten und spielten Karten. Das waren die Pflegekräfte und Sozialarbeiter, von denen auf der Homepage des Heims die Rede war. Ich überlegte, ob ich die jungen Männer zur Rede stellen sollte, aber die ganze Atmosphäre erzeugte in mir Angst.

Ich verließ diese unwürdige Lebensstätte, informierte allerdings meine Partei (SPD) und ein Mitglied des Gesundheitsausschusses der Bremischen Bürgerschaft; bisher ohne nachhaltige Reaktionen.

Gehört das Heim einer Firma, die geschäftstüchtige Leute aus Mittel- und Osteuropa gegründet haben, um hier in
Deutschland das große Geschäft zu machen? Man miete einige Häuser in sozialschwachen Gegenden, statte sie notdürftig aus und vermiete die Zimmer an Menschen, die keine
Angehörigen haben. Sicherheitshalber heuert man einige deutsche Pflegekräfte an. Sie sorgen bei Inspektionen, die in der Regel angekündigt sind, für Potemkinsche Dörfer.

Im vergangenen Oktober hörte ich von einer vertrauenswürdigen Person, die häufiger in diesem Heim zu tun hat, dass sich so gut wie nichts an den dort herrschenden Verhältnissen geändert habe. Diese Firma gibt es allein in Bremen in fünf Stadtteilen, und man darf wohl annehmen, dass die Situation dort ähnlich ist.

Wir stehen mit dem von mir besuchten Heim sicher nicht einem Einzelfall gegenüber, und auch außerhalb Bremens wird es solche unwürdigen Wohn- und Lebensangebote für alte Menschen geben. In der Vergangenheit mag es wohl unter dem alten Bremer Heimgesetz schwierig gewesen sein, privaten Neppern und Bauernfängern auf dem Heim- und Pflegemarkt das Handwerk zu legen.

Lässt das neue Bremer Wohn- und Betreuungsgesetz immer noch nicht die Kontrolle zu? Wäre es nicht an der Zeit, dem
Spuk in solchen Heimen ein Ende zu setzen?

Link: Badewannentag: Pflegerin telefoniert
Quelle: DURCHBLICK Nr. 144 – Januar 2012