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Warum die Bildungs-Bürger auf den adeligen Ex-DoktorGuttenberg nicht gut zu sprechen sind

09.03.2011 - von Prof. Albrecht Goeschel

Der Fall Guttenberg und der Fall der Bildungsrendite. Groß waren Wut, Empörung und Entsetzen über Guttenberg in den Bildungsmi-lieus und Wissenschaftszirkeln in Deutschland. Haben doch allen voran die Bundeskanzlerin, aber auch eine abgehalfterte Bayernkultusministerin, allerlei wertkonservative Leitbildner und politische Türsteher und nicht zuletzt die Großbuchstaben- und Hausfrauenpresse die heiligste Monstranz der „Bil-dungsrepublik“ Deutschland (Merkel), ja sogar der „Wissensgesellschaft“ selbst achtloser behandelt als jeden Führerschein oder jedes Sportabzeichen: Den Doktortitel.

Dabei gilt: Guttenberg hat den Doktorhut nur zur Narrenkappe machen können, weil zuvor schon die berüchtigten „Marktkräfte“ tatkräftige Vorarbeit geleistet haben. Nicht Guttenberg, sonder Exzellenzuni-Marketing, Bologna-Reform, Bachelor-Fastfood nebst G-8-Terror und gar die konzeptionell-methodisch eher mitleiderregenden Pisa-Studien haben das akademische Qualitätssiegel „Dr.“ und seine kleineren Geschwister ziemlich rabiat entwertet.

In der „Bildungsrepublik“ Deutschland erwarten die jetzigen „Gebildeten“ und „Bessergestellten“, dass dies schön so bleibt und nicht am Ende kein Unterschied mehr ist zwischen einem „Bildungsgutschein“ (von der Leyen) und einem „Doktortitel“ (von und zu Guttenberg). Dafür muss die Politik auch weiterhin verlässlich sorgen. Schließlich möchten auch die jetzigen „Vermögenden“ und „Besserverdiener“ keine Steuererhöhungen sondern Steuersenkungen. Auch dafür soll die Politik weiterhin verlässlich sorgen.

Hier kommt jetzt die Makroökonomie ins Spiel: In den zurückliegenden Jahrzehnten hat in Deutschland zwar der Anteil an Hochausgebildeten an den Abhängigbeschäf-tigten erkennbar zugenommen (Bildungsreformen!). Gleichzeitig hat in den zurück-liegenden Jahrzehnten aber der Anteil der Bruttolohneinkommen am Volkseinkommen deutlich abgenommen (Lohnzurückhaltung, Generation Praktikum etc.).

Ökonomisch heißt dies nichts weniger als dass die gesamtwirtschaftliche Bil-ungsrendite trotz oder eher wegen der steigenden Bildungsanstrengungen der Einzelnen und der steigenden Bildungskosten der Privathaushalte fällt. Lediglich der Bildungsstress nimmt stetig zu. „Wissensgesellschaft“ heißt: Noch mehr Konkurrenz um die Arbeitsplätze.

Im Übrigen sollten die Bildungsschichten sich jetzt nicht zu laut beklagen: Seit Jahren schon wird bei den Ärzten darüber debattiert, dass das Monethos der Businessmedizin das Ethos der Hippokratesmedizin auffuttert und dass im Gesundheitswesen der doch sonst so hochgeschätzte „Markt“ halt immer mehr segensreiche Regeln außer Kraft setzt.

So gesehen ist „Karl-Theodor“ dann tatsächlich, wenn auch sicherlich selbst–unverstanden ein lebenspraktischer Kritiker des totalen Kapitalismus, sozusagen eine Art feudaler „Rainer Langhans“ - nur besser frisiert.

Quelle: PM, STUDIENGRUPPE FÜR SOZIALFORSCHUNG

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