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1983: Als wir mal am Gardasee waren

20.03.2017 - von cc. Gabi Lennartz, Hanne Zens, Johanna Mokros

Die ´Jungs` fuhren zum Surfen an den Gardasee und hatten noch Platz in ihren Autos, denn die Surfbretter lagen ja auf dem Dach. Meine ´kleine` Kusine Gabriella und ich und danach noch Johanna, Mutter der einen und Muhme der anderen, wollten auch mal den Gardasee sehen. Wir hatten aber, wie immer, kein Geld. Also einigten wir uns darauf, dass jede nur 300 DM mitnehmen dürfe für die eine Woche, und damit mussten wir halt auskommen. 300 DM für sieben Tage = 42 DM pro Person. Hin- und Rückfahrt waren garantiert, also gratis.
Nach Ansage von Cle sollen wir um 15 Uhr am Gardasee sein, ich glaube aber, es wird wohl eher 22 Uhr werden. An der Ausfahrt Köln merke ich, dass ich meinen Personalausweis vergessen habe. Also wieder zurück. Dann aber sitzen wir angeschnallt im Citroën und brausen durch die Eifel. In Schwetzingen soll es tollen Spargel geben und in Hockenheim ist eine Rennstrecke. Im Gasthaus Grainvingen sehen wir die ersten Bayernseppel – nun will Johanna, frisch nach jahrelangem Aufenthalt aus den USA zurück, keine Schwarzen mehr zählen, sondern Seppel.
17.45 München. Blaue Straßenbahnen, alte Straßenschilder mit weißer Schrift auf blauem Grund, blaue Busse, den Rest kennt man ja. Man frisst ganz schön viel, wenn man den ganzen Tag fährt.
18.50 Uhr Österreich: Noch 105 km bis zum Brenner. Das Wetter wird immer mieser, es ist kühl und gießt anhaltend.
19.45 Uhr: Noch 6 km bis zum Brenner – es schneit dicke Flocken. 18 DM kostet die Fahrt über den Brenner - inclusive 18 Prozent Mehrwertsteuer.
1 DM sind 560 Lire liest Gabriella auf der Umrechnungstabelle der Bank.
20.30 Uhr: Bella Italia – im Schnee.
Vom Brennero bis zum Largo di Garda kostet die Straße 11.100 Lire Benutzungsgebühr. 11.100 geteilt durch 56, das macht, laut Gabriella, ungefähr - 20 DM.
24.30 Uhr: Gardasee, Piratenbar. Leider kein Zimmer mehr frei, dafür Stones und Guinness.

Bevor Cle ins vorgebuchte Quartier zu den anderen ´Jungs` fährt, bringt er uns zum Hotel Livia. Da ist ein 3- Bettzimmer frei. Die Übernachtung mit Frühstück kostet 45.000 Lire plus 1.000 Lire Trinkgeld und 3.000 Lire für Wasser plus otto mille Lire für den Muttertagssekt beim Frühstück. Danach laufen wir schwerbepackt in Richtung Gargagno, finden auch bald ein Hotel mit einem 3-Bettzimmer für 35.000 Lire pro Nacht. Haben vorerst für zwei Tage gebucht. Erwartungsvoll öffnen wir die Holzläden, die die Aussicht auf den Lago di Garda versperren – boh – niente: Blick direttamente auf eine dicke Mauer – aber wenn man den Hals reckt und nach links schielt, kann man ein Fitzelchen des Sees entdecken. Hier wollen wir nicht bleiben. Nach zwei Nächten habenn wir das kalte, dunkle Hotelzimmer geräumt.
Inzwischen sitzen wir beschwingt auf der Terrasse der Pensione Giulia, direkt am See, umgeben von einem kleinen Garten mit dicken Gummibäumen, Zypressen, Palmen und Oleanderbüschen. Diese Villa könnte unser Alterssitz werden. Hier ist es schön. Kein Touristengedrisse, keine Frittenbuden, keine Fernrohre, keine Spielhöllen. Gerade kommt die „Verona“ und legt am Pier an. Leute sitzen an Bord und singen! Auf der Steinbank am Ufer, die unter blühenden und gleichzeitig Früchte tragenden Orangenbäumen steht, sitzt eine alte Dame, die in den Gesang einstimmt. Natürlich singt sie die zweite Stimme. Johanna hat Schwierigkeiten mit der Muße. Sie müsste lange in Italien bleiben, um den amerikanischen Jück rauszukriegen.

Die Idylle des Lago di Garda wird von donnernden Tieffliegern getrübt. Die Lire-Umrechnerei ist molto complicato. Nur Gabriella blickt noch durch. Ca. 17.500 Lire pro Übernachtung mal fünf Tage = 34.620 Lire pro Tag = 11.54 DM. Eine Fahrt mit dem Bus nach Venedig kostet 17.200 Lire. Einen Ausflug nach Venedig können wir uns locker leisten, meint Gabriella.

Venedig taugt als Stresstest. Diese Stadt lässt sich nur mit Amaretto und Martini ertragen. Ein Amaretto kostet 1.400 Lire, aber ein Wasserglas voll. Millionen Menschen werden von Trillionen von Tauben bekackt, die sich nicht darum kümmern, dass diese Fotos von ihren lächelnden Liebsten auf dem Markusplatz schießen wollen. Johannas blaues Halstuch führt zur Bildung einer Menschenschlange, die blind aber unverdrossen hinter uns herrennt, um Venezia kennenzulernen. Wie soll sie unter diesen Umständen eine Wurst machen? Venedig muss darauf verzichten. Auf der Rückfahrt haben wir uns im Bus gefuscht.

Wir schlafen in der Pensione ganz oben im Dachstübchen. Die Matratzen bestehen aus Knubbeln und Kuhlen, die wir versuchen, mit Handtüchern aufzufüllen. Eine Hängematte wäre bequemer. Aber wir haben, wenn er nicht im Nebel verschwindet, vor uns den See. Keine Straße dazwischen. Nebenan, im anderen Stübchen mit Blick ins Hinterland, wohnen drei Männer und Johanna erlaubt uns deshalb nicht, in der Unterhose über den Flur zum Klo zu gehen. Die amerikanische Prüderie hat unsere FKK-Anhängerin voll noch im Griff.

Ich liege auf dem kleinen Bett, die beiden Madames thronen, schlecht beleuchtet von den funzeligen Nachtischlämpchen mit ihren Kreuzworträtseln mindestens `two-fifty` höher als ich in ihren, wie Johanna sagt, Hochbetten. Es regnet und der See bewegt sich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, was ich jetzt nur noch darf, wenn es zu ist, weil zu viele Tiere hereinkommen könnten, ist zwar nicht mehr die sangesfreudige Amsel à la Garda zu hören, aber das Schlagen der Wellen gegen die Wand der mit karierten Tischdecken betuchten und Plastikstühlen bestückten Veranda. Schlapp spiegelt sich das Mondlicht auf dem See.

Geldverteilung am Morgen erspart Kummer und Sorgen. Jede erhielt von Finanzministerin Gabriella 18.000 Lirchen ausgezahlt. Beim Antiquar gab´s für 8.000 ein Buch auf Deutsch, darin wird berichtet, wie die Amis am Ende des zweiten Weltkriegs aus Flugzeugen Hechte in den Gardasee geworfen haben. Die sollten den Fischbestand im See dezimieren, um so die Leute auszuhungern. Dabei bleibt´s aber nicht. 1.000 Lire für eine Zeitung, 600 Lire für einen Becher, 1.100 Lire für Zigaretten, 2.600 Lire für Vino.
Das Altersheim, die Schule und das Hospital in Gargano heißen Feltrinelli, wie der Platz am Hafen. Ein Dorf weiter ein rosafarbener Palast, die Villa Feltrinelli. Als die Feltrinellis nicht mehr da waren, residierte da Mussolini. D`annunzio, der Faschodichter hatte sich auch in der Gegend niedergelassen. Warum haben die Arschlöcher immer diesen Blick für das Schöne?

Der alte Cartolini-Mann am Hafen - 200 Lire für Ansichtskarten - verkauft auch Tabacchi und überprüft 50.000 Lire-Scheine auf ihre Echtheit. Wichtigtuer. Die ganze Zeit, während ich schreibe, läuft ein Mann hier umher, schon älter, braungebrannt, kleines Stupsnäschen, Lederhut, unter dem sich eine dicke Lockenpracht hervorkringelt. Trapperjacke. Was er wohl sucht? Es stellt sich heraus, dass er ein arroganter Österreicher ist und von einem einbeinigen Typen (Sohn?) begleitet wird. Beide holen ihren Rucksack aus dem Kofferraum eines Autos, dazu Malblock und Klappstuhl, und lassen sich an verschiedenen Uferstellen nieder, um den Nebel zu zeichnen. Der scheint viel herzugeben, denn sie stricheln heftig mit ihrer Kohle über das Papier. Wahrscheinlich so lange, bis die Fläche des Papiers schwarz ausgefüllt ist. Dann heißt es; „Nebel negativ“, und wird in Wien ausgestellt.

13. Mai: Heute ist der letzte Tag. Es ist frühmorgens so diesig, dass man sogar vom Ufer aus den See kaum sieht. Auf dem Marktplatz und sogar in der Pensione Giulia ist immer mehr deutsch zu hören. Cle kommt uns abholen, und weil inzwischen die Sonne scheint, und niemand Lust hat, nach Hause zu fahren, lädt er uns zu einem Sektfrühstück auf der Terrasse der Pensione ein. Ciao Gardasee!

Wir sind nicht mit unseren 900 DM ausgekommen. Es wurden 1.050 DM. Johanna hatte ihre Kreditkarte dabei, Gabriella einen Hunni ganz unten in ihrer Reisetasche versteckt, meiner war als kleiner Knubbel in der Kameratasche die ganzen Tage dabei.

Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung