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SeniorInnen: Nicht zu den Kriegen schweigen

Köln, 2015 Foto: H.S.

01.04.2016 - von Gerd Feller

Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht an die schrecklichen Ereignisse erinnert werden, die sich im Nahen Osten und an
anderen Orten und manchmal leider auch ganz in unserer Nähe abspielen und die den teils katastrophalen Zustand unserer sogenannten globalen Zivilisation erkennen lassen. Kürzlich fiel
mir dazu wieder ein Sonett von Andreas Gryphius
aus dem Jahre 1636 ein.

Tränen des Vaterlandes
Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun,
das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun
hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.
Die Türme stehn in Glut, die Kirch ist umgekehret,
das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
die Jungfraun sind geschänd´t, und wo wir hin nur schaun,
ist Feuer, Pest und Tod, der Herz und Geist durchfahret.
Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind nun sechs Jahr, als unser Ströme Flut
von soviel Leichen schwer, sich langsam fortgedrungen.
Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot,
dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.


Dieses Gedicht, 380 Jahre vor unserer Zeit geschrieben, hat nichts an Aktualität verloren. Es bezieht sich auf den 30jährigen Krieg, aber was heute im Nahen Osten geschieht, geht teilweise
noch über dessen Grausamkeit dank technischer Entwicklung weit hinaus. Wir sollten auch nicht vergessen, dass zwischen uns und dem 17.Jh. ständig irgendwo Kriege geführt wurden, im 20.Jh.
sogar unter noch brutaleren Umständen. Ihr Ablauf und ihre Folgen waren immer gleich: erst die Backen aufblähen, starke Reden halten, mit den Säbeln rasseln und sich derart gegenseitig provozieren, dass letztlich das Abschlachten nicht
mehr zu vermeiden ist. Dann kommen die Leiden, das Sterben, die Zerstörung des Lebensraums, die Not und schließlich die Trauer, die Verzweiflung und meist, wenn auch zu spät, die Einsicht und bei den Verlierern die Reue. Bisher gelang in der Regel mit viel Glück ein Wiederaufbau. Irgendwann erfolgt dann die Wiederholung des Procedere.

Wenn man das Gedicht von Gryphius liest und an die gegenwärtigen Probleme denkt, die nicht nur durch Kriege, sondern zusätzlich auch durch die aktuelle ökologische Zerstörung unseres Planeten und damit auch der Menschheit verursacht werden, stellen sich die Fragen: „Haben wir Menschen eigentlich nichts gelernt? Können
wir wirklich von Fortschritt reden?“ Wir haben uns inzwischen zu einer Informationsgesellschaft entwickelt, eignen uns jederzeit Wissen an und bekommen viel Nachhilfe, um uns und die Welt zu verstehen. Es gibt in vielen Lebensbereichen Entwicklungen, die wir durchaus als Fortschritt bezeichnen dürfen, weil wir etwas
dazugelernt haben.

Aber haben wir das Wesentliche gelernt, nämlich mit aller Kraft unser Wissen, unseren Verstand und unsere Vernunft ausschließlich zum Wohle aller Menschen einzusetzen? Unsere und andere Regierungen halten trotz aller Erfahrungen immer noch Gewalt und Krieg für ein brauchbares Instrument der Politik, obgleich dieser Weg zu Leid, Verlust an Lebensqualität, Tod und eben auch, wie Gryphius andeutet, zur Aufgabe der Wertewelt führt.

Was heißt eigentlich lernen? Man lernt aufgrund des bisherigen Wissens, der erworbenen Fähigkeiten und der gewonnenen Erfahrungen. Voraussetzung, dass ein Lernprozess als abgeschlossen
bezeichnet werden kann, ist die Umsetzung des Gelernten in neues Verhalten.
Wir haben erst dann wirklich dazugelernt, wenn wir das Wissen und das, was wir verstanden haben, anwenden, wenn uns Verstand und Vernunft zu Einsichten führen, und unsere bisher unzureichenden
oder menschenverachtenden Verhaltensweisen verändern.

Das geschieht zwar hier und da, aber was die Sicherung unseres Lebens und unseres Lebensraums angeht, nehmen diese Veränderungen
leider meistens eine falsche Richtung, abgelenkt von negativen Affekten, z.B. von Machtgier, Bereicherungswünschen, Neid, Vorurteilen, Fehleinschätzungen, Leichtsinn und Egozentrik. Der Katalog der Affekte ließe sich erweitern.

Die Menschen sind geboren, um zu leben. Die Menschenrechte gewähren ihnen den Anspruch, dieses Leben lebenswert zu gestalten.
Dafür sollte die Vernunft eingesetzt werden. Das politische Spiel, das augenblicklich zwischen den USA, Russland, der EU und den Staaten des Nahen Ostens läuft, kann ich nur als widerlich
bezeichnen. Die Drahtzieher, die für ihre eigennützigen Zwecke wehrlose und unschuldige Menschen instrumentalisieren und für das
Blutvergießen und die Verheerungen verantwortlich sind, haben jedenfalls nichts dazugelernt.

Trotzdem sollte die Hoffnung nicht aufgegeben werden, dass es denjenigen, die gelernt haben und konstruktiv eingestellt sind,
endlich gelingt, der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen und der Barbarei im Nahen Osten ein Ende zu bereiten. In diesem Sinne sollten sich auch die Seniorinnen/Senioren aufgrund ihrer
eigenen leidvollen Erfahrungen mit Gewalt und Krieg zu Wort melden.

Quelle: Durchblick März 2016