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VdK-Dschungelcamp: Wie ein „Sozialverband“ seine Mitglieder behindert

New Orleans, 1984 Foto: H.S.

13.07.2015 - von Prof. Albrecht Goeschel

Im Internet gibt es etliche Foren und Blogs, in denen sich die Leute darüber aufregen, das „der VdK“ nur pseudopolitisch daherrede und wichtige Sachen einfach verschnarche und dass seine Rechtsberatung überhaupt nicht billig, dafür aber häufig nutzlos sei. Der Verkauf von Mitgliederdaten an Versicherungskonzerne sei sowieso das Allerletzte. Die Süddeutsche Zeitung hat all diese Dinge schon einmal im Jahr 2012 ausgebreitet – der „Sozialverband“ macht aber unverschämt und fettbackig einfach weiter (Fotos im Internet angucken – Mascher, Merkel, Nahles usw.).

Natürlich fragt man sich, warum überhaupt noch Leute in diesen Verein eintreten und warum die Leute nicht wieder massenhaft austreten: 60,- Euro im Jahr gespart (Alters-Armut!). Im Internet gibt es eine Initiative, die VdK-Austrittsformulare bereithält ...
Jetzt beschäftigt sich die Wissenschaft mit diesen interessanten Fragen und es wird unangenehm für das Gebilde VdK und seine Nutznießer(innen).

VdK – Dauermitgliedschaft im Traditionsmilieu
Es sind wohl zu allererst die Leute selber, die sich vom VdK einsammeln lassen und dann nicht mehr aussteigen trauen – so ähnlich, wie bei einer „Kaffee-Fahrt“: Sitzt Du erst mal im Bus, kommst Du nicht mehr raus bis zum Ende der Reise. Untersuchungen über die Regionen und über die Milieus, aus denen der VdK seine Mitglieder und Mitgliederinnen rekrutiert, zeigen es deutlich: Es sind eher die ländlichen Räume und die vorgestrigen Lebensformen, die im VdK landen. Wer dort einmal beigetreten ist, bleibt dann auch „Mitglied“.

In einer eigenen Untersuchung hat der VdK für das Jahr 2011 herausfinden lassen, dass in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und im Saarland zwischen 64 und 67 Prozent der Beitragszahler und Beitragszahlerinnen mindestens schon fünf bis zehn oder noch viel mehr Jahre bei dem Verein dabei sind. Umgekehrt sind in Bayern, Baden-Württemberg und im Saarland gerade einmal 4-5 Prozent der VdK-Beitragspflichtigen „Neumitglieder“. In Banker-Kreisen wird die vorherrschende VdK- Klientel als „ältlich und spießig“ oder so ähnlich beschrieben.

VdK: Sozialegoismus und Politikschelte
So ist der wunderbare kapitalistische „Sozialstaat“: Erst macht er die Leute zu „Individuen“, die ihre Arbeitsbrauchbarkeit als „Ich-AGen“ , „Ego-GmbHs“ etc. auf dem sogenannten „Arbeitsmarkt“ anbieten dürfen, dann kommen die demokratischen „Sozialpolitiker“, mittlerweile bevorzugt „Sozialpolitikerinnen“ daher, und beklagen das „Besitzstandsdenken“, also den Egoismus der Leute. Genau diese Nummer bedient der „Sozialverband VdK Deutschland“ jahrein und jahraus.

In seiner Satzung schreibt der Verein, sozialrechtliche Beratung, Vertretung und Betreuung („Besitzstandspflege“) und sozialpolitische Interessenvertretung (nochmals „Besitzstandspflege“) seien sein „Wesen und Zweck“, d.h. sein Geschäft. Und so kommt das auch an bei den Leuten. 88 bis 91 Prozent der Befragten einer VdK-Studie nannten die Rechtsberatung als besonders wichtiges Vereinsangebot und damit an der Spitze aller Nennungen. Als zweit-wichtigste Sparte nannten die Leute mit 60-80 Prozent die „sozialpolitische Interessenvertretung“.

Dabei ist die Rechtsberatung ein durchaus einträgliches Geschäft für den „Sozialverband“ und immer gleich auch eine schöne Bestätigung für den kapitalistischen „Sozialstaat“, zu dem sich der VdK in seiner Satzung „be-kennt“. Soweit es die Sozialpolitik des VdK betrifft, besteht diese aus nicht viel mehr als dem hinlänglich bekannten Hin- und Herschieben der Politik- attrappe „Armut“ - eine für den kapitalistischen „Sozialstaat“ ganz und gar schmerzfreie Veranstaltung.

Nicht nur weil im Sozialverband VdK Deutschland und in dessen Landesverbänden zahlreiche Schlüsselstellungen von abgehalftertem Politikpersonal der Parteien der GroKo besetzt sind, sondern wegen der „Organisierten Harmlosigkeit“, die der VdK mit seinen 1,7 Millionen Mitgliedern darstellt, zählt der Verein zu den wichtigsten Basismilieus der GroKo: VdKler(innen); AudiBMW-
Daimler-Prinzen; Sparbuch-Chauvinisten; Musikantenstadl-Publikum, Bild- und Bunteleser(innen).

Was der kapitalistische Rechtsstaat und was die kapitalistische Sozialpolitik in Wahrheit anrichten, nämlich Kriegs- und Bürgerkriegshetze in der Ukraine und Hungerdiktat in Griechenland, ist für den VdK kein „sozialpolitisches“ Thema.

VdK: Kunden, Mitglieder...
Manchmal verraten ganz banale „Marktforschungen“ viel mehr als sie herausbringen sollten. So geht es dem „Sozialverband“ mit seiner Mitgliederbefragung von 2011. Zwischen 71 und 88 Prozent der Befragten nannten als Beitrittsgrund einen sozialrechtlichen Streitfall mit den Behörden oder die Vorsorge für einen derartigen Streitfall. Da der VdK für seine Rechtsberatung fett Kosten berechnet, sind seine Mitglieder also überwiegend als „Kunden“ zu betrachten, die beim VdK Rechtsberatung einkaufen.

Daneben liefert der VdK auch noch Politikattrappen wie „Armut“ , sprich: Sozialpolitische Interessen- vertretung. Nur 27 bis 44 Prozent der Befragten nannten diese als Beitritts- grund. Dafür werden aber die monatlichen Beiträge kassiert. Klar ist: Als „Mitglieder“ sehen sich die VdK-Beitragszahler erst in zweiter Linie – in erster Linie sehen sie sich als „Kunden“.

So zeigt die VdK-Mitgliederbefragung sehr schön, worin „Wesen und Zweck“ des „Sozialverbandes“ bestehen: In der Hauptsache Verkauf von(Rechts-)Beratungsleistungen und als Nebensache Verbreitung von Politikparolen („Endlich handeln!“). Vielleicht müssen da einmal die Finanzämter und die Rechtsanwaltskammern ein bisschen genauer hingucken.

VdK: ...und Insassen
Die 1,7 Millionen Mitglieder des VdK, und als etwas mickrigere Kopie die noch einmal locker 0,6 Millionen Mitglieder der Konkurrenzvereine Sozialverband Deutschland (SoVD) und Volkssolidarität (VS) sind als mögliches hartnäckiges und vielleicht ein bisschen starrsinniges Protestpotential dank „Organisierter Harmlosigkeit“ der Sozialverbände ruhiggestellt. Mit ihnen spielt eine nicht sehr appetitliche Sorte von Sozialstaats-Bedienungsmannschaft richtig schön Ping-Pong zwischen „Rechtsberatung“ (kostet extra!) und „Aktion gegen Armut“ (schon bezahlt!).

Leider ist die Sache aber nicht so komisch, wie sie sich liest: In einem Arbeitspapier der Akademie und Institut für Sozialforschung Verona wird vorgeführt, wie schön der VdK den längst obsoleten „Staatsaufbau“ mit Kommunalebene, Bezirksebene, Länderebene und Bundesebene kopiert und damit eine den Verhältnissen gemäße und Widerspruch fördernde Erfassung und
Darstellung relevanter Probleme unmöglich macht. Die heutigen „sozialen“ Probleme spielen sich an den EU-Grenzen, im Euro-Süden, in den Ballungsräumen, in den Umlandzonen („Speckgürtel“!) und in den Abwanderungsregionen ab. Das Akademiepapier führt als Gegenbeispiel zum „ArmutsQuatsch“ des VdK den „Armuts-Atlas“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes
an. Für dessen unwiderlegbaren Nachweis enormer regionaler Gefälle im wundervollen Deutschland hat das Politische System mit Sitz in Berlin bis heute noch keine der üblichen unverschämten Ausreden gefunden.

Das Papier der Veroneser Akademie bohrt aber noch tiefer in der höchst bemerkenswerten „Satzung“ des VdK. Ergebnis: Die „Mitglieder“ des VdK sind eine Art „Insassen“, die eigentlich nur als „Beitragszahler“ gefragt sind und ansonsten eher „Unpersonen“ darstellen. Das sogenannte „Or- dentliche Mitglied“ muss beispielsweise ausdrücklich widersprechen, wenn es nicht möchte, dass seine persönlichen Daten vom Sozialverband VdK Deutschland e.V. an Dritte (gerne: Versicherungskonzerne) weitergegeben werden. Dann ist in der Satzung natürlich festgelegt, dass Mitglieder, die sich vom VdK vertreten lassen, die Kosten dieser Bemühungen zu tragen haben. Umgekehrt wird in dieser Satzung aber schon klargestellt, dass das „Ordentliche Mitglied“ kein „einklagbares Recht“ auf Beratung, Hilfe bei der Fertigung von Anträgen, Verfolgung von Ansprüchen im sozialrechtlichen Bereich etc. besitzt. Bleibt aber das „Ordentliche Mitglied“ mit seiner Beitragszahlung im Rückstand, droht ihm selbst verständlich der Ausschluss.

Über dies:
Wer einmal Mitglied bei diesem „Sozialverband“ ist, sieht sich mit einer ganzen Litanei von Pflichten und Verboten konfrontiert: So muss die Bundesverbandssatzung eingehalten werden, müssen die Beschlüsse der Verbandsorgane zur Ausführung gebracht werden, müssen die Interessen des Bundesverbandes gewahrt werden und muss das „Ordentliche Mitglied“ bei der Ausbreitung des Bundesverbandes mitwirken und nach Kräften zur Verwirklichung der Ziele des Bundesverbandes beitragen. Äh – und dafür auch noch 60,- Euro Beitrag zahlen ?

Und wehe, wenn das „Ordentliche Mitglied““ gegen die Ziele des Bundesver- bandes oder gegen die Verbandssatzung oder auch gegen die Beschlüsse der Verbandsorgane aktiv wird, kann es gleich ausgeschlossen werden. Ausgeschlossen werden kann das „Ordentliche Mitglied“ vor allem auch, wenn es das „Ansehen des Bundesverbandes schädigt“. Das gilt bekanntlich immer und vor allem dann, wenn Leute irgendeine Strukturschweinerei nicht mehr
hinnehmen wollen und öffentlich Kritik üben.

Was hat jetzt das „Ordentliche“ überhaupt für sein Geld für „Rechte“? Laut Satzung kann es sich an Mitgliederversammlungen und Wahlen beteiligen: Wow ! Das ist ja wie im „demokratischen und sozialen Rechtsstaat“, zu dem sich der VdK so heftig „bekennt“.

Zum Schluss ein Originalzitat aus dem VdK-Dschungelcamp:
„Besuch durch die ERGO Verbandsgruppenversicherung ... Unverzichtbar ist bei Abschluss einer neuen Unfallversicherung auch eine Sterbegeldversicherung. Die darin integrierte Zuwendungserklärung bzgl. der Spende der Überschussanteile an den VdK Landesverband ist eine freiwillige Option...“
Quelle: http://vdk.de/ov-herdorf/ID 130681

Prof. Albrecht Goeschel
Gast-Professor Staatliche Universität Rostov
Präsidiumsmitglied
Accademia ed Istituto per la Ricerca
Sociale Verona

Alle Rechte beim Verfasser

Link: VDK wird neoliberal
Quelle: Prof. Albrecht Goeschel