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Altersdiskriminierung durch Morbi-RSA

Berlin, 2009 .Foto: H.S.

21.07.2012 - von Hanne Schweitzer

Kennen Sie den Morbi-RSA? Warscheinlich nicht. Aber Sie sollten ihn kennenlernen! Der Morbi-RSA hat viel mit unserer Gesundheitsversorgung zu tun, auch w enn man eher geneigt ist, zu glauben, dass es sich um ein neues Gummitier handelt.

Die Abkürzung Morbi-RSA steht für "morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich". Was das ist, wissen Sie auch nicht? Gemach. Um die Bedeutung des ersten Wortes zu begreifen, müssen Sie zuallererst wissen, was Epidemiologie bedeutet, auch wenn das Wort weder in der Abkürzung noch in der Volltextversion erscheint.

Wie Sie sich sicher denken können, handelt es sich bei der Epidemiologie um eine wissenschaftliche Disziplin. Die hat es sich u.a. zur Aufgabe gemacht herauszufinden, welche Krankheiten in bestimmten Bevölkerungsgruppen auftreten. Dreimonatskolliken finden sich zum Beispiel häufiger bei Säuglingen, die aber bekanntlich nur äußerst selten Oberschenkelhalsbrüche erleiden.

Die Morbiditätrate gibt an, wie häufig bestimmte Krankheiten in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe auftreten. Morbititätsorientiert bedeutet also, dass sich ein Mensch bzw. ein Rechenprogramm an der statistisch ermittelten Häufigkeit orientiert, mit der bestimmte Krankheiten in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe auftreten. (Gemeint ist sowohl die Rate der bereits Erkrankten, als auch die Rate von Neuerkrankungen innerhalb eines festgelegten Zeitraums.)

Wozu muss man das wissen? Nun, wenn nur ein Prozent aller Säuglinge im letzten Jahr einen Oberschenkelhalsbruch erlitten haben, läßt sich daraus ableiten, bzw. schätzen, wieviele es im nächsten Jahr sein könnten.

Damit sind wir beim zweiten Wort, das abgekürzt RSA und als Volltext Risikostrukturausgleich heißt. Beim Risikostrukturausgleich handelt es sich um Geld, das den Krankenkassen aus dem Gesundheitsfonds überwiesen wird. Um die Unterschiede auszugleichen, die sich bei den Ausgaben der Kassen ergeben, wenn die eine Kasse z.b. überwiegend gesündere Mitglieder hat und die andere überwiegend kranke. Die Höhe dieser Geldüberweisungen, also die Höhe des Risikostrukturausgleichs, wird anhand der Morbiditäsrate errechnet.

Nun bemängelt die AOK Bayern die falsche Berechnung des Morbi-RSA durch den Gesundheitsfonds. Der überweise viel zu wenig Geld für ältere und mehrfach erkrankte PatientInnen. Die Kasse spricht von einem methodischen Fehler bei der Berechnung. "Die standardisierten Leistungsausgaben, also die Zuweisungen aus dem Fonds, seien schlicht falsch berechnet", erklärte die Verwaltungsratsvorsitzende der AOK Bayern auf Arbeitgeberseite, Dr. Claudia Wöhler. So würden bei einem 30-jährigen Versicherten im Durchschnitt rund 104 Prozent seiner Leistungsaufwendungen durch den Gesundheitsfonds überwiesen. Bei einem 70-Jährigen sinke der Deckungsgrad hingegen auf 98 Prozent ab. Und bei einem 80-Jährigen decke die Überweisung lediglich noch 80 Prozent der Kosten. "Das ist Altersdiskriminierung pur", sagte Wöhler.

Die Deutsche Gesellschaft für Versicherte + Patienten (DGVP) hält den morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich für kompletten Blödsinn. Sie fordert, dass die Krankenkassen die Schwere einer Erkrankung ermittteln sollten, um dann dafür die entsprechenden Mittel aus dem Gesundheitsfonds zu bekommen.

Link: Phantompatienten, Gesundheitsfonds, Kopfpauschale: Her mit dem Geld…
Quelle: Ärztezeitung.de, 17.7.2012