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Altersdiskriminierung bei Spiegel online

St. Anna, Köln Ehrenfeld, 2008 Foto: H.Schweitzer

04.06.2012 - von Hanne Schweitzer

Ihre tief verwurzelte Abneigung gegenüber Leuten, die jenseits des Rentenalters noch mit einem gesellschaftskritischen Impetus arbeiten, konnte Silke Burmeister auf Spiegel online kundtun. Mit zeilenschindender Beredsamkeit legt sie an das Berufsleben von Günther Wallraff ihren geistigen Maßstab, kalibriert an der schwarzrotgüldenen Fassade der ehrenwerten Berliner Republik.

"Lieber Günter Wallraff", beginnt sie ihren Artikel, "Kämpfer, um die Befreiung der Arbeiterklasse aus dem Joch der Sklavenhaltung gibt es viele, zumeist tragische. Rosa Luxemburg, Oskar Lafontaine, Rio Reiser - sie alle sind angetreten, auf dass der brave Packer und Schufter sein Feierabendbier genießen könne". Juter Jott!

Ignorieren wir ihr frivol gemeintes Trallala à la: "Und ich hatte so sehr gehofft, Sie würden noch die unmenschliche Behandlung der Kindermädchen enthüllen, als ein Art Tootsie die Beschäftigungsabgründe der Berliner Society offenlegen". Betrachten wir stattdessen Frau Burmesters mit Altersdiskriminierung getränkten Giftpfeil.

Bevor sie den schießt, schwadroniert sie erstmal von den "Tücken des Alters", weist darauf hin, dass Wallraff inzwischen 69 Jahre alt sei, "schon 69 Jahre alt"!. Sie fährt fort: "Ihr Körper ist ein alter Sack", und erspart uns keine binsenglatten Wahrheiten wie: "69 Jahre arbeitet das Herz, 69 Jahre arbeiten die Muskeln, da muss einem irgendwann die Puste ausgehen." Irgendwann.

Königin Elisabeth ist 86, ihr Ehemann 91. Bei 10 Grad Lufttemperatur nahmen die zwei am 3. Juni drei Stunden lang, und zwar stehend, die Bootsparade auf der Themse aus Anlaß des 60. Thronjubiläums der Königin ab. Die Puste ging ihnen nicht aus.

Auch Frau Burmester hat noch Luft. Ihr Bogen ist gespannt, ihr "besorgtes Gemüt" will entspannen. Hohes Kopfgeld wird von den Schießleitern bei Spiegel online nur dann gezahlt, wenn sie wirklich alles gibt, um Wallraff, "der die Verhältnisse nachhaltig (!) verändert hat" zu treffen. Am besten ins Herz, das seit 69 Jahren schlägt.

Auf´s Altenteil mit dir, alter Sack, denkt sie, schießt und schreibt tantenhaft: Wallraff möge sich doch demnächst um die "prekären (!) Verhältnisse" in den Alten- und Pflegeheimen kümmern.

Versagen wir Frau Burmester nicht unser Mitleid. Weisen wir sie hin auf das Buch ´Abgezockt und Totgepflegt` von Markus Breitscheidel, das mit einem Vorwort von Günter Wallraff bereits 2005 im Econ Verlag erschienen ist!

Link: FAZ über den fidelen Rentenstand
Quelle: Büro gegen Altersdiskriminierung, Spiegel online, 3.6.2012