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Bayerischer Rundfunk: Die Jungen sollen bluten

Laternenmast Leipzig, April 2009 Foto:Hanne Schweitzer

31.05.2010 - von Hanne Schweitzer

Das Bayerische Fernsehen hat am 19. Mai 2010 in der Magazinsendung Kontrovers einen Beitrag ausgestrahlt, in dem ein Krieg der Generationen beschworen wird. Feindlich stehen sich auf dem Schlachtfeld gegenüber: Die immense Lobby der Alten auf der einen Seite und eine Randgruppe, auf der anderen. Mit "Randgruppe" sind die Jungen gemeint. Die Jungen sollen bluten.(!) Das Kriegsgeschrei ist ernst gemeint.

Der fünfminütige Bericht trägt den Titel: Kampf der Generationen - Der neue Egoismus der Alten, und er wird mit folgenden Sätzen anmoderiert: Sind die Jungen die Dummen, wenn es um´s große Sparen geht? Die sogenannte S-Klasse, die Seniorenklasse, die wird immer größer, mächtiger und egoistischer. Nach neuen Studien sind vielen Alten die Jungen herzlich wurscht und einschlägig bekannte Politiker schüren die Stimmung.

Der gebührenfinanzierte Bayerische Rundfunk, zu dem die Sparte Fernsehen gehört, stochert eifrig mit dem Schürhaken. Sie werden immer mehr, sie stellen hohe Ansprüche an ihren Lebensabend, sie entscheiden Wahlen: Die Rentner übernehmen die Macht, steht unter dem Clip des Berichts, den der Sender sich nicht genierte, auf seiner Webseite einzustellen.

Zusammengeschustert wurde das sozialdarwinistische Stück von den Journalisten Dr. Till Rüger und Lars Friedrich. Rüger ist ein erfahrener Kriegsberichterstatter. Für den Bayerischen Rundfunk berichtete er aus Bosnien und dem Kosovo, als ARD-Korrespondent aus Israel und den von Israel besetzten Gebieten. Seit 2007 arbeitet Rüger für die Sendungen „Kontrovers“ und „Münchner Runde“ und unterrichtet Volontäre des Bayerischen Fernsehens.

Kampf der Generationen - Der neue Egoismus der Alten, ist ein tendenziöses, unsachliches, verleumderisches und hetzerisches Machwerk. Typische Kriegsberichterstattung, diesmal allerdings von einer Heimatfront, die erfunden wurde, um von den tatsächlichen Katastrophen abzulenken. Hier mal eben 500 Milliarden zur "Rettung" der Banken und ihrer Profite, und gleichzeitig 30 Millionen bei den Hochschulen streichen. Durch die gezielte Auswahl oder das bewußte Weglassen von Informationen soll eine feindselige, altersdiskriminierende Stimmung erzeugt werden. Der Beitrag ist miserabel. „Er ist", wie Freidrich Engels einst an august Bebel schrieb, "im höchsten Grad unordentlich, konfus, unzusammenhängend, unlogisch und blamabel.“ Blamabel, das gilt für den Bayerischen Rundfunk. Blamabel gilt für die Verantwortlichen der Kontrovers-Redaktion, von denen der Beitrag als sendefähig abgenommen wurde, und blamabel gilt, last but not least, für die Macher des Beitrags.

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Exkurs 1:
Kurz bevor Roland Koch (CDU) im Mai verkündete, als Ministerpräsident das Handtuch werfen zu wollen, unterschrieben 12 hessische Hochschulpräsidenten auf Geheiß des Seitenscheitels und unter dem Druck des hessischen Finanzministers (CDU) und der Wissenschaftsministerin (CDU), eine "Hochschulpakt" genannte Vereinbarung. Damit stimmten sie einer Etatkürzung ihrer Universitätshaushalte um 30 Millionen Euro ab 2011 zu. Das war der eine Aufhänger für den Beitrag Kampf der Generationen - Der neue Egoismus der Alten.

Der andere Aufhänger wurde befestigt an dem Politologen Hararld Wilkozewski. Genauer gesagt an einer Untersuchung, die er angefertigt hat, und deren Ergebnisse er im November 2009 (!) als Arbeitspapier, oder auf neudeutsch, als working paper, veröffentlichte. Nach aufwändigen statistischen Berechnungen der Daten zweier bereits seit Jahren vorliegender Studien, war Wilkozewski zu dem Schluss gekommen, dass die älteren Befragten in diesen Studien wesentlich seltener als die jüngeren der Meinung gewesen seien, der Staat solle das Kindergeld erhöhen. Aber auch alleinstehende und kinderlose Befragte seien häufiger dieser Meinung gewesen.

Fazit des Wissenschaftlers: Es deutet sich ein Konfliktpotential an zwischen Älteren und Jüngeren, zwischen Kinderlosen und Eltern, zwischen Alleinstehenden und Paaren. Ein Konfliktpotential, das sich andeutet, ist schwierig zu berechnen, noch schwieriger zu überprüfen, aber leicht zu behaupten, vor allem wenn es keine früheren Untersuchungen gibt. Dazu muss man wissen: In den meisten Umfragen wurde bisher nur die Meinung zu privaten finanziellen Transfers erfragt, also zur gegenseitigen finanziellen Unterstützung innert der Familien! Wenn in solchen Umfragen staatliche Transfers überhaupt vorkamen, wurde nach den "Einstellungen zu allgemeinen Verantwortlichkeiten des Staates gegenüber den verschiedenen Altersgruppen" gefragt. Weil aber „die sozialpolitische Verantwortung des Staates (hierzulande) von allen (Alters-)Gruppen sehr hoch eingestuft wird, kann mit diesen Fragestellungen ein möglicherweise bestehender Alterseffekt kaum erfasst werden.“ Das ist wichtig zu wissen. Die Antwort, die der Wissenschaftler im Film gibt, enthält eine andere Aussage.
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Das Bayerische Fernsehen nutzte die Gelegenheit, um aus den Alten, den Sündenböcken der Nation, die schuld an sämtlichen leeren Kassen haben, nun die Blutsauger der Nation zu machen, alte Vampire auf der Jagd nach dem Lebenssaft der Jungen.

Der Beitrag von Friedrich und Till Rüger beginnt mit einer Einstellung, in der ältere Frauen zu sehen sind, die an einem Stand auf der Münchner Seniorenmesse Pelze anprobieren. Zwei Preisschilder erscheinen groß im Bild: 3.900 Euro und 4.980 Euro. Ein Sprecher sagt aus dem off: Wie schön dieses Alter doch sein kann. Wenn man ein paar Euro hat. Er fährt fort: Es gibt Dinge, die einem das Leben sauer machen. Diese Jungen, zum Beispiel. Nacheinander erscheinen nun drei ältere Frauen im Bild. Jemand muss ihnen eine Frage gestellt haben, aber welche, das erfahren wir nicht. Uns müssen die Antworten genügen. Die erste Frau sagt vor dem Pelzstand: Weil der Staat so viel Geld raushaut, und uns gibt er nichts, also da wäre ich schon dagegen. Wogegen sie wäre, wird uns nicht gesagt. Die zweite Frau steht vor einem Stand, der Reisen anbietet. Sie sagt: Manche mögen nicht arbeiten, sollen arbeiten, wir haben auch arbeiten müssen. Die dritte Frau steht vor einem Computerstand: Ich habe die Jugend satt, sagt sie, eine faule Bagage. Danach wieder die Stimme des Sprechers. Ratlos fragt er: Wer kann sie verstehen? Schnitt.

Roland Koch kommt ins Bild, aber nicht zu Wort. Wir sehen ihn, wie er von links auf ein Haus zugeht, wie er von rechts auf das selbe Haus zugeht. Wir sehen Koch vor Mikrofonen stehen, Koch von Kameras umringt und Koch der mit seinem Zeigefinger auf etwas zeigt. Dazu spricht der Sprecher:Jetzt, wo gespart werden muss, denkt er, - nein - bedeutungsschwangere Pause, nicht an die Rentner: Die Jungen sollen bluten.(!) Szenenwechsel.

Zu sehen ist der Kopf von Frank Schirrmacher vor einer Bücherwand. Der FAZ-Herausgeber lässt uns wissen, dass Koch da eine ziemlich gefährliche Sache macht. Sie unterstützt die wachsende und stärkste Gruppe der Bevölkerung – die der Älteren gegen die Jungen. Nun folgen Bilder von radelnden SeniorInnen, von älteren Leuten, die im Park und im Schwimmbad gymnastische Übungen machen. Was Mediziner und Krankenkassen erfreuen dürfte, ärgert den Sprecher. Die Golden Agers, wie er sie nennt, genießen das Leben und kümmern sich vor allem um sich selbst. Von Enkelbetreuung, häuslicher Pflege oder ehrenamtlicher Arbeit hat er scheint`s noch nichts gehört. Als Beleg dafür, dass seine Behauptung richtig ist, lässt er uns deshalb wissen, das durch eine Studie des Max-Planck Instituts für Demografie seine Behauptung belegt wurde. Je älter ein Bundesbürger ist, desto weniger familien- und jugendfreundlich ist die Politik, die er sich wünscht. Schnitt.

Hararld Wilkozewski erscheint im Bild und stellt in drei Sätzen die Ergebnisse seiner statistischen Untersuchung vor: Zum Beispiel die Kindergelderhöhungen: Da haben wir festgestellt, dass sich Ältere unterscheiden von Jüngeren in ihrer Erwartung an den Staat: Über das Alter hinweg sinkt die Wahrscheinlichkeit, Kindergelderhöhungen für wichtig zu erachten. Das ist ein neues Ergebnis, weil man bisher in der Forschung davon ausgegangen ist, dass es diese Unterschiede nicht gibt. Leider bekommen wir nicht gezeigt, wie es aussieht, wenn das Alter über die Wahrscheinlichkeit hinweg sinkt. Stattdessen bemerken wir, dass auf der ockerfarbenen Wand, vor der Wilkozewski sitzt, gut platziert die Adresse einer Homepage steht. Es handelt sich dabei aber nicht um die Adresse des Max Planck-Instituts, von dem zuvor die Rede war. Nein, www.neueverantwortung.de, steht in weißen Buchstaben auf der Wand. Was es damit auf sich hat, erfahren wir nicht, also müssen wir selbst recherchieren.

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Exkurs 2:
Neue Verantwortung nennt sich eine Stiftung mit Sitz in Berlin. Zu den Trägern gehört der Bund der deutschen Industrie, BDI. Größte Geldgeber der Stiftung sind die Otto Beisheim Holding (Metro), das Energieversorgungsunternehmen enBW, die Friedhelm Loh Group und der Technologiekonzern Giesecke & Devrient, ein Spezialist für den Banknoten- und Personalausweisdruck sowie für Chipkarten und Sicherheitslösungen. Europas größter Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern EADS gehört auch zu den Finanziers der Stiftung, jedoch nur auf "Premium-Level".

Ihre Mission" (!) beschreibt die Stiftung wie folgt: "Wir fördern die Entwicklung neuer gesellschaftspolitischer Ideen und Lösungsansätze." Die Themenpalette ist bunt. Sie reicht von der "Technologieaußenpolitik", die als „ein zunehmend wichtiger Macht- und Einflussfaktor der internationalen Beziehungen“ definiert wird, über die "Transformation der Bundeswehr", über deren Zukunft "in Anbetracht neuer sicherheitspolitischer Herausforderungen an eine „Armee im Einsatz“ nachzudenken „dringend notwendig" ist. Auch das Nachdenken über die "Zukunft der Parteien" fördert die Stiftung. Sie möchte, das die Parteien (!) "Hauptträger der politischen Willensbildung bleiben".

Das Stiftungskapital kommt aber auch denen zu Gute, die sich für das "Neudenken der Prinzipien und Instrumente für eine soziale Ordnungspolitik im 21. Jahrhundert" interessieren. "Im Hinblick auf Politikinhalte" eines neuen "Gesellschaftsvertrags" für eine noch zu etablierende "Generationengesellschaft" lautet eine der zentralen Fragen, die sich die Stiftung stellt: "Wie gestaltet sich der Zugang zu gesellschaftlichen Versorgungsgütern für verschiedene demografische Gruppen?"

Womit wir wieder bei Harald Wilkozewski angekommen sind, also bei dem Mann, der in der Sendung „Kampf der Generationen - Der neue Egoismus der Alten“ eine wichtige Rolle spielt, wenn nicht sogar den wichtigsten Part inne hat. Wilkozewski ist Stipendiat der Stiftung und, Sie ahnen es bereits, zuständig für das "Erforschen neuer Prinzipien und Instrumente der gesellschaftlichen Transfers".
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Die nächsten Bilder zeigen den Umkleideraum einer Turnhalle, Kinderhände, mit nach oben gereckten Zeigefingern, eine Wand mit zwei Löchern, eine zerbrochene Scheibe, einen Stuhl inmitten heruntergefallenem Putz, Studenten in überfüllten Hörsälen. Zu hören von dem, was wir sehen ist nichts, stattdessen spricht mal wieder der Sprecher: Deutschland spart bereits jetzt an Jugend und Bildung – wie man an maroden Schulen und überfüllten Unis sehen kann. Und während man sich noch fragt, was verlotterte Schulen oder schrottige Universitäten mit den Meinungen zur Erhöhung des Kindergeldes zu tun haben, behauptet der Sprecher: Die junge Generation wird zur Randgruppe und hat daher keine Lobby mehr. Weder bei den Alten, noch in der Politik. Es folgt eine gedankenschwere Pause, dann der Satz: Was sich bald rächen wird.

Bevor uns Angst und Bange werden kann, taucht wieder Schirrmachers Kopf vor der Bücherwand auf. Die Politik, habe schon jahrelang bei den Jungen gespart, sagt er. Bekanntlich aber auch bei den Renten, bei den Straßen, bei der Gesundheitsversorgung, beim ÖPNV, aber darüber sagt Schirrmacher nichts. Als Lösung des Problems der Jungen schlägt Schirrmacher nun vor: Also lasst uns uns darauf einigen, dass wir in diesem Bereich – dem der Ausbildung, dem der jungen Familien – nun noch stützen und noch mehr stützen – in eurem eigenen Interesse, denn ihr werdet einmal von denen leben müssen. Szenenwechsel.

Wir sehen ältere Männer und Frauen, die sich bewegen. Diesmal tanzen sie. Musik ist keine zu hören. Stattdessen erzählt uns der Sprecher, dass die rüstigen Alten mittlerweile eine immense Lobby haben. Die Folge davon: Eine neue Art Verteilungskampf. Die Renten, Gesundheitskosten, die steigende Lebenserwartung – all das muss finanziert werden. Und weil schon so lange nicht mehr von Roland Koch die Rede war, vertraut uns der Sprecher, und nicht etwa Roland Koch, folgendes an: Roland Koch gesteht - An die Milliardenzuschüsse zur Rente traut er sich nicht ran. Schnitt.

Nun kommt Dorothee Bär ins Bild, sie ist die stellvertretende Generalsekretärin der CSU. Kochs Meinung sei eine Einzelmeinung, bei Investitionen im Bereich von Familie und Bildung würde es keine Kürzungen geben. Der Sprecher glaubt es nicht. Denn während wir auf dem Bildschirm mal wieder Alte sehen, diesmal mal wieder beim Schwimmen, fragt er: Wirklich? Dass die Rentner freiwillig verzichten, ist kaum vorstellbar. Der Krieg der Generationen scheint unabwendbar. Schnitt.

Erneut Bilder von Studenten in Hörsälen, dazu der Kommentar aus dem off: Jugend und Ausbildung geraten zu Nebenaspekten. Der Sprecher fordert deshalb ein Rettungspaket für die junge Generation. Das ist das Stichwort für das dritte Auftauchen von Schirrmachers Kopf vor der Bücherwand. Bildung heute ist, erklärt der Autor des Methusalem-Kompotts, Bildung heute ist, als würden wir reden sozusagen über unseren Reichtum im Jahre 2025, 2030. Den wir jetzt verschleudern.

Nun ist der Film zu Ende - fast. Zum guten Schluss kommt aber noch einmal Roland Koch ins Bild. Wir sehen, wie er eine Teetasse in der Hand hält, wie er von links nach rechts durch eine Passage geht, und - Roland Koch der mit seinem Zeigefinger auf etwas zeigt.

Das Kriegsgeschrei ist ernst gemeint! Siehe dazu auch den untenstehenden link zu einer Nachricht aus dem Jahr 2004!

Link: Hengsbach warnt vor Generationengerechtigkeit
Quelle: Büro gegen Altesdiskriminierung