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Graue Panther lösen sich auf

26.03.2008 - von Hanne Schweitzer

Die 3.300 Mitglieder der Partei Die Grauen haben entschieden. 84 % stimmten per schriftlicher Urabstimmung der Parteiauflösung zu. Damit hat sich die einzige seniorenrelevante Partei genau zu einer Zeit aufgelöst, in der eine zunehmende Zahl ältere Menschen die Auswirkungen bundesdeutscher Seniorenpolitik zunehmend wütend verspürt.
Anlass der Urabstimmung: Wegen des Verdachts auf Spendenbetrug fordert die Bundestagsverwaltung von der Partei 2 Millionen Euro zu viel gezahlter Wahlkampferstattung plus 6,5 Millionen Euro als Strafzahlungen. Eine Abschlagszahlung in Höhe von rund 1,6 Millionen Euro wurde bereits gezahlt, aber der Gesamtbetrag treibt die Partei, deren Berliner Landeschef bei der Kommunalwahl 2006 in Berlin 3,8 Prozent der Stimmen holte, in die Insolvenz.

Frei nach dem Motto: Die Kleinen hängt man und die Großen läßt man laufen, liefen die Gazetten zur Hochform auf, als sie über den Sonderparteitag der Grauen am 1. März in Wuppertal berichteten. Endlich konnten sie mal schreiben, was sie sich sonst nicht trauen, oder was eh von der Redaktion gestrichen wird. Die Gelegenheit, das eigene Mütchen zu kühlen, war also günstig und Regressansprüche oder Beschwerden brauchte niemand zu befürchten, also haute man rein.

Der Ort des Sonderparteitags mutierte zur bizarren Kulisse[/i, in der die [i]einst so wehrhaften Senioren-Politiker tagten, erregt aufeinander losgingen und in Fernsehkameras gifteten. Die Parteitagsleitung war chaotisch, und die geführte Debatte war es selbstverständlich auch und die Gemengelage wurde als nebulös beschrieben.
Eine junge Partei für alte Menschen wird beerdigt. Das Thema Alte trägt nicht. Kleinlaut geht die Partei unter.

Als am 29. Dezember 1999 die Bonner Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Bundeskanzler Kohl wegen des "Anfangsverdachts der Untreue" einleitete, hatte die Journaille ganz anders reagiert. Kohl wurde vorgeworfen, zwischen anderthalb und zwei Millionen Mark an der Buchfuehrung vorbei auf schwarze Parteikonten der CDU befördert zu haben. Die Berichterstatter hielten sich mit der Bekundung von Empörung oder Häme auffällig zurück. Dazu trug sicherlich mit bei, dass Kohl noch immer als einflussreicher Mann galt und bereits 1985 wegen illegaler Spendenannahmen in der Flick-Affaere in verschiedenen Untersuchungsausschüssen vernommen worden war.

Die 1989 gegründete Partei Die Grauenist aus dem bundesdeutschen Senioren-Schutzbund Graue Pantherhervorgegangen. Der wurde 1975 von Trude Unruh gegründet. Schon Mitte der 80iger Jahre hatten sich mehr als 170 Außenstellen der Panther gegründet. Unter dem Motto: Die Jungen von heute sind die Alten von morgen wurden sie aktiv gegen Zwangseinweisungen in Altenheime, gegen Menschenrechtsverletzungen wie ungerechtfertigte Entmündigungen, Ruhigstellungen mit Psychopharmaka und Zwangsfesselungen. Sie traten ein für eine Grundrente von 1.500 DM, wehrten sich phantasiereich gegen Beamten-Dünkel und den Zynismus der Herrschenden. In ihrem 1984 erschienen Buch "Aufruf zur Rebellion", beschrieb Trude Unruh die skandalösen und unwürdigen Zustände in den Alten- und Pflegeheimen der Bundesrepbulik sehr detailliert.

Für die Kommunalwahl in München warben Die Grauen mit folgenden Wahlkampfthemen:

1.
Menschenwürde im Alter
* Beseitigung des Pflegenotstandes
* Förderung der häuslichen Pflege
* Förderung der Pflege in Alten-WGs
* Umsetzung des bayerischen Baugesetzes für alters- und behindertengerechtes Bauen

2.
Rentenproblematik
* Stopp der Rentnerabzocke
* Generationengerechtigkeit

3.
Transrapid nicht für Kurzstrecke Hauptbahnhof-Flughafen München

4.
Klimaschutz in München
* Förderung emissionsfreier Kraftsfahrzeuge
* Innenstadtverkehr nur für schadstofffreie LKW

5.
Freie MVG-Fahrt für Bürger mit Einkommen unter 800 €

6.
Mehr Sicherheit durch Überwachungsstellen in öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln

7.
Familien
* Förderung der Ganztagsschulen
* Ausbildungsplatzgarantie für lernwillige Jugendliche
* Bezahlbare Hort- und Kindergartenplätze für alle

8.
Mehr Bürgerentscheide bei Stadtentwicklung

Die Graue-Panther-Bewegung kommt ursprünglich aus den USA. Den Anstoß dazu gab Maggie Kuhn. Als sie 1970 gegen ihren Willen im Alter von 65 Jahren zwangspensioniert wurde und nicht bereit war, das klaglos hinzunehmen, war eine neue Bewegung geboren. Die Grey Panthers mobilisierten erfolgreich gegen die Mißstände und Mißhandlungen in den amerikanischen Altenheimen. Die Bewegung hatte einen großen Anteil daran, dass Altersdiskriminierung und der demografische Wandel schon vor Jahrzehnten in den USA ein selbstverständliches Thema wurden. Das Zwangspensionsalter ist in den USA seit Jahrzehnten abgeschafft, Altersdiskriminierung seit mehr als 40 Jahren gesetzlich verboten.

Link: http://www.altersdiskriminierung.de/themen/artikel.php?id=1442
Quelle: diverse